An unserem letzten Tag in Riga hat uns der deutsche Sommer also doch noch eingeholt. Es hat den ganzen Tag ununterbrochen geregnet. Auf den Straßen riesige Pfützen von unbestimmbarer Tiefe, gespeist von Bächen, die quer über die Gehwege flossen. Ein guter Tag zum Ausspannen! Entsprechend langsam ließen wir es angehen und zogen uns am Nachmittag in einen stylischen Laden namens Cydonia zurück, mitten im Schicki-micki Eck von Riga. Die offensichtlich russischen Gäste am Nebentisch bestellten Cocktails und Whisky am laufenden Band. Das war so gegen 16 Uhr! Keine Stunde später rollte einer von ihnen mit dem Sofa durch den Laden. Kein Wunder, das waren bestimmt achtfache Whisky, die die Bedienung brachte… Vielleicht um wieder einen klaren Kopf zu bekommen, verschwand der Sofapilot dann für ne knappe Stunde, um dann erholt da weiter zu machen, wo er aufhörte.
Auf leeren Autobahnen haben wir heute schließlich das dritte Land unserer Reise, Estland, erreicht. Kurz vor der Grenze wurden wir Zeuge eines Geschehens, wie es wohl nur auf dem Dorf vorkommt. Eine Gruppe junger Frauen in Landestracht ritten zu Evanesence (schreibt man das so?) unter lautstarken Applaus eine Quadrille. Jetzt haben wirklich alles von Lettland gesehen.
Im Moment entspannen wir uns bei Gin tonic (Hogarth Gin kann man empfehlen) auf der Terrasse unseres Hostels. Nachher geht’s zurück ins Zentrum, wo heute eine Art Straßenfest „zur Ehre der estischen Kultur“ (Zitat eines Einheimischen) stattfindet.
Kulinarisches Zwischenfazit aus Riga
Gestern in Riga angekommen. Die Autobahnen in Lettland sind deutlich schlechter als in Litauen, dafür ist noch weniger Verkehr auf den Straßen. Hier fahren sogar Pferdefuhrwerke auf der Autobahn!!! Jetzt sind wir erstmal bis zum 13.8. in Riga. In kulinarischer Hinsicht kann ich aber ein erstes Fazit ziehen. In Litauen sind Knödel (Cepelinai) ganz groß. Gekocht, gebraten, fritiert, gerne mit Fleisch gefüllt. Mindestens ebenso beliebt sind Pfannkuchen in jeder denkbaren Ausführung. Über die Schweineohren brauch ich ja nichts mehr zu sagen.
Hier in Lettland sind Pelmeni der Renner. Dabei handelt es sich um kleine gefüllte Teigtaschen, die man anderswo als Wan tan oder Ravioli bezeichnet. Kann man echt empfehlen. Absolut faszinierend ist der zentrale Markt in Riga. In und rund um 5 riesige Hallen wird alles, aber wirklich alles verkauft, was das Land oder der Import hergibt. Was man hier nicht findet, gibt es nicht. Die Hallen sind nach bestimmren Lebensmitteln aufgeteilt, aber dennoch findet man in jeder Halle kleine Stände, die irgendwas verkaufen, das nichts mit dem hier angebotenen Lebensmittel zu tun hat. In Halle für Milchprodukte z.B. findet man am Durchgang zur Fleischhalle ein Laden für religiöse Devotionalien. Alle paar Meter ist ein Stand, der Plastiktüten in allen Formen, Farben und Größen verkauft. Eine mittelgroße Tüte mit „Karstadt“-Aufdruck!!! kostet 0,4 Lts ( ca. 50 Cent). Etwas versteckt, im Verbindungsgang zwischen zwei Hallen, schenkt eine Bar schon am Vormittag seinen Kunden Whisky und Wodka aus. Ich war zwar noch nie in Russland, aber so stelle ich es mir vor. Insgesamt wirkt Lettland viel deulicher russisch geprägt als Litauen.
Update vom geschwollenen Bein: es ist leicht abgeschwollen dank einer neuen Tube Fenistil, dafür nimmt es jetzt eine leicht bläuliche Farbe an. Fotos nur auf ausdrücklich Wunsch.
Anmerkung: Beim Essen ist mir gerade noch ein bemerkenswertes Detail aufgefallen. Egal wo man essen geht, überall bekommt man einige traditionelle Gerichte wie die kalte Rote Beete Suppe mit Kartoffeln (werden wir morgen versuchen), und die Einheimischen halten sich auch meist an die einheimische Küche, auch in der Pizzeria. Das gilt vor allem auch für die Jugend bzw. die jungen Erwachsenen. Man stelle sich einmal vor, bei uns säßen die jungen Leute nicht beim McDonalds oder beim Subway, sondern äßen Dampfnudeln und Linseneintopf… Unmöglich!!! Es ist ein sympathischer Zug der Letten (auch der Litauer), dass sie bei der überwältigenden Fülle bei sofortiger Verfügbarkeit ausländischen Essens doch weiterhin ihrer einheimischen Kost treu bleiben.
Soweit die Füße tragen – Expedition ins russische Grenzgebiet
Nach einem erholsamen Tag am Stand wollten wir heute Europas größte Sanddüne erklimmen und und von dort weiter zu russischen Grenze, von der wir ohnehin nur drei Kilometer entfernt sind. Vom Gipfel aus wandten wir uns in Richtung der russischen Exklave Kaliningrad. Verlassenen Pfaden folgend stapften wir durch die spärliche Vegetation, bis ein Zaun unsrem Weg ein Ende setzte. Allerdings war das nicht der erhoffte Grenzzaun, sondern ein Naturschutzgebiet. Ein blaues Schild warnte vor dem Betreten, ein gelbes vor gefährlichen Insekten. Dass die Warnung des gelben Schildes berechtigt war, stellte sich umgehend heraus. Schwärme aggressiver Insekten erzwangen unseren Rückzug. Während ich weitgehend verschont blieb, bekam Verena einiges ab. Ein Stich am Bein wurde so groß, dass wir uns überlegen, ihm einen Namen zu geben. Vorschläge werden dankbar entgegengenommen. Aber das gute alte Fenistil entfaltet bereits seine wunderbare Wirkung. Trotz aller Widrigkeiten geben wir aber nicht auf: morgen fahren wir mit dem Wagen zur Grenze und singen dort zweistimmig “Nikita“. Danach geht’s weiter nach Lettland…
Mind the gap – London
Grüße aus London. Nach dem zweiten Tag, den wir hier verbracht haben, muss ich bekennen: London ist großartig. Gestern streikte hier die U-bahn, allerdings war der Gott der Reisenden (Hermes, glaub ich, oder Adac?) uns hold, denn die einzige Linie mit regelmäßigem Service war ausgerechnet die Nothern Line, die zu unserem Appartement in Barnet führt. Die Innenstadt zwischen St. Pauls und dem Big Ben ist wahnsinnig überfüllt, Leicester Square, Picadilly und Travalgar ebenso. Voll mit Touristen, Bankern, Verwaltungsfuzzis. Alle wuseln umher, jeder mit seinem eigenen Ziel, seinem eigenem Plan, für Momente zwangsläufig vereint an der Ampel, im Stau, in der U-Bahn etc. Ein riesiges Chaos, das nur Ameisen oder Bienen bewältigen könnten.
Unser Programm ist dialektisch. Nur ein Beispiel: auf der einen Seite das Herz des britischen Kapitalismus in The City auf der anderen der stille, verwunschene Highgate Cemetary mit dem Grabmal von Karl Marx. Am Parliament Square stehen die Statuen von Cromwell und Curchill in Sichtweite zueinander, dazwischen Dauerdemonstranten gegen das britische Engagement im Irak. Ist das noch dialektisch?
Beeindruckend aber ist der Service in der U-Bahn. Häufige Ansagen und Informationen und selbst im Wirrwarr des gestrigen Streiks locker und humorvoll agierende Beamte. Ansage am Fahrsteig: … wohin der einfahrende Zug fährt, teile ich Ihnen mit, sobald ich es weiß.“
An eines aber gewöhne ich mich nur schwer. Das lauwarme Ale, das ich mir selbst an der Theke holen muss.
Maskottchen
Was uns bislang fehlte, war ein Gesicht, ein Maskottchen. Es war schwierig, eines zu finden. Wichtig sind große Augen, denn Lynkeus sieht, wie man weiß, so gut, dass er sogar das sehen kann, was unter bzw. in der Erde versteckt ist. Er muss aber auch einen wehrhaften, mutigen und starken Eindruck erwecken können, da er nicht immer nur Dinge sieht, die ihm gefallen.
Die Melancholie der Portugiesen
Der Portugiese neigt zur Melancholie. Das klingt wie ein Klischee. Fado scheint das zu belegen. Und wer Pessoas „Buch der Unruhe“ gelesen hat, der wird das bestätigen. Vielleicht ist dieses Buch (eine Besprechung ist auf diesem Blog verfügbar) die Apologie der Melancholie und damit ihre höchst mögliche Ausformung vor dem Sturz in die Depression. Der von seinem Zimmer aus auf die schmalen Straßen der Lissaboner Altstadt blickende Hilfsbuchhalter Bernado Soares, der Protagonist dieses Buches, ist einer der größten Melancholiker in der Literatur. Aber die wenigsten Portugiesen werden dieses Buch gelesen haben. Also hat Pessoa seine Landsleute nicht mit diesem Gemütszustand angesteckt. Daher kann die Melancholie der Portugiesen also nicht rühren.
Take me to Portugal, take me away
Ok, vielleicht passt „spanish caravan“ nicht ganz, aber was besseres faellt mir im Moment nicht ein. Nach 10 Tagen in Portugal verschwimmen langsam die vielen Eindruecke zu einem Gefuehl, das der Farbe des Ozeans gleichen mag. Leider habe ich keine Zeit fuer eingehende Schilderungen, also schicke ich lediglich einen Gruss aus Olhao. Nach dem langen Schweigen auf diesem Blog, das sicherlich neben der Faulheit auch an der Ideenlosigkeit lag, sprudelten die Ideen in den letzten Tagen. Leider bestand keine Moeglichkeit zu bloggen. Das ist umso traurigen, als die meisten der Ideen und Einfaelle wieder verblasst sind und nur die durchsichtige Erinnerung an ihre Existenz bleibt. Vielleicht sollte man technisch aufruesten, um auch auf Reisen bloggen zu koennen. Immerhin passen sowohl Blumenberg als auch der gute alte Nietzsche sehr gut als Reiselektuere zu diesem Land. Davon nach meiner Rueckkehr mehr.
Alles Gute bis dahin