Ich habe schon die Thomas Mann Biographie von K. gelesen. Im Vergleich zum vorliegenden Buch scheint mir jene viel sachlicher, wissenschaftlicher zu sein als dieses. Aber die Voraussetzungen sind auch völlig unterschiedlich. Bei Mann ein großes Werk, tausende Seiten Briefe und Tagebücher, unzählige weitere Quellen. Bei Büchner liegen die Dinge ganz anders. Ein ebenso beeindruckendes aber arg schmales Werk, dazu kaum Briefe oder sonstige Selbstzeugnisse. So ist es natürlich sehr schwer, ein Leben zu erzählen, das darin entstandene Werk zu verankern, beides in Zusammenhang zu bringt, Motivationen, Anregungen, Absichten deutlich zu machen. Kurzke schafft das bis zu einem gewissen Grad trotzdem. Am besten noch im Kapitel zum Hessischen Landboten, vielleicht weil sich da das Leben des Autors am meisten mit dem „Werk“ schneidet. Wo die Belege ausgehen, wird Kurzke kreativ. Er nennt es „typologisches Verfahren“ (298). Kurzke setzt Büchner mit den Figuren seiner Werke gleich, lässt ihn ihre Worte sagen. Dieses Verfahren wird vor allem beim Danton häufig verwendet. Mit einer sachlichen Biographie hat das wenig zu tun. Manchmal schreibt K. innere Monologe Büchners (z. B. das Anatomie-Kapitel 346ff), gelegentlich kleine Fantasien (großartig die zu Beginn des Leonce und Lena-Kapitels „im Elysium“ (367). Mich hat das an Golo Manns Wallenstein-Biographie erinnert, in der es ein Kapitel gibt, in dem Mann Wallenstein träumen lässt, ein eher kreativer Ansatz als ein streng wissenschaftlicher: Bei Mann fällt das Kapitel aus dem ansonsten eher streng wissenschaftlichen Rahmen, bei Kurzke ist dieses Verfahren permanent eingesetzt. Immerhin kennzeichnet er entsprechende Passagen optisch im Druckbild und sprachlich im Konjunktiv. Mir persönlich ist dieses Verfahren zu impressionistisch, zu suggestiv. Ehrlich gesagt stört es mich ein wenig. Seine literarhistorische Einordnung Büchners dagegen erscheint mir vernünftig, frei von ideologischen Etiketten vergangener Jahrzehnte. Ich habe Kurzkes Mann Biographie gerade nicht vorliegen, aber sprachlich erscheint mir das Büchnerbuch frischer, moderner als die Mann-Biographie. Vielleicht richtet sich die Büchner-Biographie auch eher an ein interessiertes Laienpublikum und die Mann-Biographie eher an ein Fachpublikum.
Kurzke bezeichnet Büchner als Genie, wie ja auch der Titel bereits verrät. Er versucht im Laufe des Buche bestimmte Aspekte eines Genies zu verfolgen. Am deutlichsten ist hier der Aspekt des Traumas als Triebfeder eines Genies, das er bei Büchner am Ende überall findet. Da aber aus den spärlichen Informationen meist keine traumatischen Erlebnisse unmittelbar ableitbar sind, hilft Kurzke auch hier wieder die „typologische Methode“, deren Erkenntniswert am Ende zweifelhaft, deren Unterhaltungswert aber sicherlich hoch ist.
Was Kurzke über Büchners philosophische Manuskripte sagt, gilt im Grunde für seinen Umgang mit dem wenigen Material, das er für seine Biographie benutzen konnte: „Man muss sie geradezu quetschen, um hie und da eine These ans Licht zubefördern.“ (362)
Eine lohnende Lektüre ist das Buch aber auf jeden Fall, um sich Büchner zu nähern. Lohnend vor allem auch wegen des kurzen Kapitels zur Wirkungsgeschichte Büchners und des Schlussworts, indem Kurzke eingesteht, das Genie Büchners letztlich nicht erklären zu können.
Gamardschoba – Erste Eindrücke aus Georgien
Seit gestern befinden wir uns in Tiflis, Georgien. Da wir erst am späten Nachmittag ankamen, reichte die Zeit, nachdem wir unser familiengeführtes Hotel einer famosen Dachterasse bezogen hatten, gerade noch für einem Spaziergang in der Nachbarschaft und Altstadt. Vielleicht wäre noch eine Sehenswürdigkeit drin gewesen, wenn wir nicht sofort die berühmte georgische Gastfreundschaft kennengelernt hätten: „Nick“ (vermutlich ist der Name touristenfreundlich heruntergedummt, denn georgisch ist für den mitteleuropäischen Mund eher eine schwierige Angelegenheit) bot uns einen Willkommenswein an. Seine Familie in einem anderen Landesteil habe einen Weinberg. Er hat herzlich gelacht, als ich erwähnte, meine Familie besäße lediglich einen Kartoffelacker. Egal, also Gläser auf den Tisch und ab dafür: ein starkes Viertel Rotwein. Das letzte, was wir gegessen haben, war das Rührei im Flieger, läuft also bei uns :-)!
Die ersten Eindrücke des Spaziergangs lassen einen sich bald in der Sowjetunion oder Kuba (baufällige Gebäude und Plattenbauten), bald in Südeuropa (Kirchen, Pinien, Zikaden) fühlen. Und das alles in extra-heiß! Da überrascht es nicht, dass wir uns am Ende des Abends nach georgischem Wein und einer Selektion georgischer Biersnacks auf der Terrasse am allermeisten auf die Klimaanlage im Zimmer freuen.
Endlich
Ach, was bin ich erleichtert.
In den letzten drei Jahren gewann dieses demokratisch gewählte Geschwür der Unmenschlickeit stetig Sympathisanten. Ungerecht.Abgehängt.Besorgt.Vergessen.Belogen.Betrogen.Und.Überhaupt.Der Flüchtling.
Ernst nehmen. Sorgen. AFD. Heilsbringer.
Nun.Chemnitz.Maaßen.Seehofer.
Nach den Erklärungen der beiden Schützer und Bewahrer der Ordnung und Verfassung in unserem Land, sollte auch dem Letzten klar sein: wer braucht eine AFD? Diese, bezeichnen wir sie einfach so, wie es auch ihre Führung immer hervorhebt – demokratisch gewählte Partei – ist unnütz und überflüssig. Maaßen und Seehofer haben wiederholt klar gemacht: Rechts? Können. Wir. Selbst. Straußens‘ Sarg muss so langsam beföhnt werden, vor lauter Seen aus Tränen der Glückseligkeit.
Ich bin auch der Meinung, dass sich keiner der beiden falsch verhalten hat.
Vor gar nicht allzu langer Zeit mussten Politiker zurücktreten, weil sie in einer Klausur in der 11. Klasse das Pausenbrot zu früh ausgepackt haben. Unbestätigte Quellen bestätigen, dass das nur mittels jahrelanger Überwachung durch Szenekenner der Klassenbuchmafia aufgedeckt werden konnte.
Immer wieder taucht hier der Selbe Twitteraccount auf: nUr_IM_assen.
Ein Zufall?
Ich glaube nicht. Ich bin der festen Überzeugung, dass die beiden lupenreinen Demokraten zu Unrecht beschuldigt werden, sie werden einfach nur missverstanden.
Ihr habt nur nicht kapiert, wie unfassbar perfide und durchdacht diese Strategie ist, nur um die ganzen besorgten Bürger wieder in die Arme der Demokratie zu treiben. Endlich. Rechts der CSU ist wieder nichts mehr. Pinkie? Brain? Muharrr. Take this!
Danke Horst. Danke Hans-Georg.
Vielleicht ist es aber auch doch ganz anders, und genau dieses schäbige Verhalten lässt die Menschen immer mehr das Vertrauen in die Politik verlieren. Es treibt sie genau deswegen in die Arme von Rattenfängern – oder eben in die von demokratisch gewählten Parteien.
Ankommen, Stammtisch der Dauercamper
Mittags den Campingplatz am Tegernsee erreicht. Seit 1998 das erste Mal wieder campen (zumindest in Europa). Es ist wie eine alte Jeans anziehen, man fühlt sich sofort wohl. Anmelden (die haben meinen Ausweis noch, fällt mit da ein), Zeltplatz suchen, Gepäck ausladen, Zelt aufbauen, Strom anschließen. Die sanitären Anlagen in Augenschein nehmen. Nach getaner Arbeit ein Weißbier (ok 2) im Biergarten der Anlage. Dort war gegen 16 Uhr nur der Stammtisch besetzt, der aber bis auf den letzten Platz. Ein barocker Aschenbecher und eine kümmerliche Topfpflanze in einem Übertopfopf mit 1. FC Nürnberg-Logo…. wohl kein Bayernfan, der Chef. Ab und zu geht einer der älteren Herren. Sofort wird über diesen gelästert was das Zeug hält. Dass der nie dusche, dass ein anderer seine Zigarre doch deshalb hier rauche, um zu provozieren usw. Alle kennen sich seit Jahren, alte Freunde sicherlich, vielleicht ist alles gar nicht so ernst gemeint. Die Szene wird gestört durch das sich nähernde Knattern eines Rollers. Das Gespräch verstummt für einem Moment, einer sagt in sein Bier starrend:“ Manni kommt.“ Der Wirt hat das schon längst bemerkt und stellt ein Hefeweizen ( Brauerei Hopf aus Miesbach, sehr zu empfehlen) auf den Tisch. Auftritt Manni. Er stellt den Roller direkt nebn dem Stammtisch ab ( sein Camper steht wohl weit vom Biergarten, weshalb den Roller nutzt). Er nimmt den Helm ab, setzt sich vor sein Bier, zupft sein Feinrippunterhemd zurecht, nimmt einen großen Schluck und sagt:“ Zum Wohl!“
Diese zwei Worte genügen, um auf seine Herkunft zu schließen: ein Badenzer. Somit sitzen am Tisch: ein Badener, ein Hamburger, ein Herr aus dem Ruhrpott, ein Thüringer und der Wirt ein Bayer. Alle einträchtig beisammen. Wie an jeden Nachmittag.
Abreise
Wie froh bin ich, dass ich weg bin. Selten war ich reifer für eine Reise. Ich habe das Gefühl, als ginge mir alles auf die Nerven. Jede noch so geringfügige Kleinigkeit, sonst kaum beachtet, zerrt an den Nerven. Aber morgen geht’s endlich los. Keine große Reise dieses Jahr, keine fremden Völker, keine neue Kultur. Nur Bayern! Drei Wochen lang Bayern. So lange war ich hier noch nie. Ich werde versuchen, die Bayern so zu wahrzunehmen, als seien sie Angehörige einer mir fremden Kultur.
Ob es hier an der Tanke auch ein Gewinnspiel gibt, bei dem es eine Ziege als Hauptpreis gibt wie letztes Jahr in Ochiwarongo? Ich bin gespannt. Das einheimische Hefeweizen vom der Brauerei Hopf in Miesbach schmeckt schon mal.
Danke GEO
Gerade eben habe ich mein Abonnement der Zeitschrift GEO gekündigt – telefonisch, ein andere Weg scheint nicht vorgesehen. Die aufgesetzte Enttäuschung der netten Servicemitarbeiterin am anderen Ende der Leitung war nett gemeint. Sie hat nur einmal versucht, mich mit einem Gutschein über 25 Euro „zu bestechen“, wie sie es selbst ausdrückte. Ich habe darüber nachgedacht, das Abo zu kündigen, weil ich mir einfach kaum mehr die Zeit nehme, das Heft zu lesen. Kurz durchgeblättern und das war’s dann. Leider.
Eleanor Catton: Gestirne
Den Roman bekam ich im Sommer 2016 in Schweden geschenkt, als wir am einsamen Steg in der Sonne lagen, jeder in sein Buch vertieft.
Erst kurz vor Weihnachten hab ich das Buch wieder in die Hand genommen, in der Erwartung, dem Weichnachtstress mit einem 1000-Seiten dicken Buch zeitweise zu entfliehen. Das hat sich erfüllt. Die Story ist angesiedelt im Neuseeland des 19. Jhds. Dort herrscht Goldrausch. Ein Mann kommt in die kleine Küstenstadt Hokitika, betritt ein Hotel und wird dort Zeuge einer Versammlung von 12 sehr verschiedenen Männern aus der Umgebung, die sich zusammengefunden haben, um die seltsamen Ereignisse der letzten Zeit zu besprechen, mit denen sie alle irgendwie verbunden sind. Es geht um einen Toten, eine Prostituierte, die man halbtot auf der Straße fand und einen jungen Goldgräber, der seit einiger Zeit spurlos verschwunden ist. So weit, so gut. Die Geschichte ist souverän aufgebaut, das ist handwerklich großartig umgesetzt. Leider gilt das nicht für den Schluss, der noch einiges aufarbeiten muss, was im Verlauf des Romans nicht aufgeklärt werden konnte. Das zieht sich, ja nervt sogar ein wenig, vor allem weil gemäß der Gesamtanlage des Romans die Kapitel immer nur halb so lang sind wie das jeweils vorherige. Witzig (man kann das aber sicherlich auch eher überflüssig finden) die dabei sich ausdehnenden Inhaltsangaben der Kapitel, die am Ende länger sind als der eigentliche Text der Kapitel. Inhaltlich also ein schöner Schmöker.
Weiches Licht, hartes Licht
Früh geht hier die Sonne unter. Um 18 Uhr ist es stockdunkel. Kurz nach 6 geht die Sonne auf und taucht die Welt für eine gute Stunde in ein wundervolles weiches Licht. Dann sollte man auf den Beinen und vor allem warm angezogen sein. Fährt man in der Zeit des weichen Lichts durch die Gegend, z. B. um Tiere zu beobachten, kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus. Das endlose Land und der trockene Busch umgeben dich, als hätte jemand die Gegend mit dünner Wasserfarbe gemalt. Doch das Licht wandelt sich im Laufe des Vormittags. Die weichen Farben schwinden, bleichen zusehends aus im starken Sonnenlicht. Gegen Mittag dominert ein hartes Licht, das die Farbe aus der Natur gebrannt hat. Ein unheimlicher Kontrast zum Morgen. Erst mit der sinkenden Sonne kehren die Farben wieder, erreichen aber die Schönheit des Morgens nicht mehr. Um 18 Uhr ist stockdunkel
Weites Land
Als an Kurzsichtigkeit gewöhnter Städter werde ich jedes Mal schon fast euphorisch, wenn ich von einem Hügel oder einem Kirchturm über die Rheinebene hinweg schaue. Wie weit erscheint mir dann die vllt. 50km breite Rheinebene zwischen Durlach und Annweiler. Dazwischen 100 kleine Dörfer links uns rechts des Rheins, tausende Autos, zehntausende Menschen. Dass wir eng an eng gedrängt leben, spürt jeder Berufspendler!
Umso so überwältigender der erste Tag auf Namibias Straßen. Von Windhoek aus nach Norden: ein paar Hügel in weiter Ferne, schnurgerade Straßen, der Blick streift ungehindert bis zum Horizont. Nach einer Weile ist man allein auf der Straße, sogar die Hügel verlassen und die trockene Buschlandschaft dehnt sich endlos. Nichts stört den Blick.
Nach vielen Kilometern verlassen wir die geteerte Straße und biegen auf eine Schotterpiste, die zum Campingplatz führen soll. Mitten hinein in den endlosen, leblos erscheinenden Busch. Wo eben noch Weite war, sieht man links und rechts der Straße keine 50 Meter weit. Und doch bieten sich gerade in dieser relativen Enge überraschende Ansichten. Rinder queren die Straße, Warzenschweine grasen am Rand der Piste, Giraffen stehen ein wenig weiter im Busch, überragen die Pflanzen kaum. Man muss schon genau hinschauen, damit man die Tiere bemerkt, so gut passen sie in das Braun und Grau des Busch. Im Zoo mag eine Giraffe nicht zu übersehen sein, hier kannst du 5 Meter an einer vorbeifahren und sie nicht bemerken. Ein Game drive lohnt deshalb.
Hier sollte ein Bild hin, aber der Bilder-Upload der WordPress-App war noch nie zuverlässig. Das Wlan auf dem Campingplatz ist leider auch recht schwach. Dann halt eine kurze Beschreibung von Bild 1: Noch recht nahe bei Windhoek. „Viel“ Verkehr und ein paar Paviane am Straßenrand.
Hier sollte Bild 2 sein:
Gitaffe zehn Meter von der Piste entfernt. Ok. Die Bäume an dieser Stelle waren ein wenig höher.
Oh. Der Upload von Bild 2 hat immerhin funktioniert!
Die Unzerstörbaren
Als ich gestern Nachmittag den Wagen startete, lief „51st state“ von New Model Army. Tolles Timing, dachte ich, bis mir einfiel, dass ich gar keine CD mit diesem Lied im Auto hatte. Der Song lief im Radio, auf Deutschlandfunk!!! Dort wurde ein Feature über die Band, ihr das neue Album und die 36-jährige Bandgeschichte gesendet. Leider habe ich mehr als die Hälfte verpasst: Aber hier gibt es die Textfassung! Betitelt mit „Die Unzerstörbaren“! Das trifft sowohl auf die Band als auch auf den Sender zu, der wie ein Fels in der Brandung der von Verkaufsinteressen gleichgeschalteten Radiolandschaft in Deutschland steht. Großartig, dass so ein Beitrag noch möglich ist! Danke Deutschlandfunk!
Vom Wandern
Das Wichtigste zuerst:Der Norweger hat ein gänzlich anderes Verständnis vom Wandern als der Deutsche. Diese Erkenntnis, die hier lapidar in einem Satz dargelegt ist, musste wir uns allerdings hart erarbeiten. Aber von Anfang an.
Wir sind nun am Hardangerfjord angekommen in einem Häuschen, das wir schon vor Monaten gebucht haben, da man vom Sofa aus nicht nur direkt auf den Fjord blickt, sondern es auch ein Bootshaus mit eigenem Fjordzugang hat. Die Feuerstelle, an der wir abends die „Grillsesong“ (das ist tatsächlich ein richtiges norwegisches Wort – der Badner wird im Stillen jubilieren) einläuten, während die Sonne (!) hinter dem Berg verschwindet, macht das Glück vollkommen.
Da wir hier, da nun das Wetter mitspielt, endlich wandern wollen, fragen wir unsere Vermieterin (an dieser Stelle ein großes Dankeschön an Iren für alles, nicht zuletzt für den Rentiertopf, den sie für uns gekocht hat) nach Tipps. Auf alle Fälle stimmt sie uns zu, als wir verkünden, nicht die bekannteste Route zu Trolltunga laufen zu wollen, da wir nicht sicher sind, ob uns 10km in einigermaßen anspruchsvollem Terrain nicht zu viel sind. Da seien ohnehin zu viele Touristen, meint sie und schlägt stattdessen den Dronningstien, den Lieblingsweg der Königin, vor. Rote Route, d.h.Anspruch 3 auf einer Skala von 1 bis 5 und eine Länge von 16km. 16km statt 10?? Wohl norwegische Logik. Schließlich einigen wir uns, dass wir einen Teil dieses Weges von Lofthus aus wandern werden. So machen wir uns am nächsten Morgen bei traumhaftem Wetter auf die Socken. Doch als wir unser Auto auf dem Parkplatz abstellen, ereilt mich der erste Schock. Über uns thront majestätisch ein Berg. Den sollen wir rauflaufen? Von ganz unten? Ein Blick auf eine Infotafel verrät uns das ganze Ausmaß der Katastrophe: 1100 Meter. Wir befinden uns auf Höhe des Meeresspiegels. Und der Weg ist lediglich 5 km lang. Ich starre ungläubig auf die Tafel. Aber was soll’s, jetzt, wo wir schonmal da sind, haben wir wohl keine andere Wahl. Also machen wir uns auf Richtung Gipfel. Los geht es zunächst harmlos über geteerte und später geschotterte Serpentinen durch Hänge, an denen abertausende Äpfel wachsen. Stetig geht es bergauf, immer steiler, bis wir teils auf allen Vieren enge Waldwege mehr hinaufklettern als -wandern und nach einer knappen Stunde beginnt mein Körper sich zu wehren, die Beine schmerzen, der Puls rast. Das endgültige Aus für die Moral ist ein weißer Kastenwagen, der auf einmal mir nichts dir nichts an uns vorbeifährt. Die Priviligierten müssen den Berg anscheinend nicht im Schweiße ihres Angesichts erklimmen. Gedanken wie „In Deutschland gäbe es hier schon lange eine Seilbahn!“ oder „Wenn das ein roter Weg ist, wie sehen dann die braunen und schwarzen aus? Senkrecht die glatte Felswand hoch?“ machen sich breit, aber Christian fühlt sich „richtig geil“, also habe ich wohl keine Wahl und quäle mich weiter aufwärts. Und dann passiert das, wovon man so oft hört, was man als durchschnittsfauler Breitensportler aber selbst nie erlebt: Man ist durch den Schmerz durch, die Beine werden leicht, der Puls wird wieder ruhig, der Kopf wird leer und man ist frei. Man geht einfach in dem Gefühl noch tagelang so weiterlaufen zu können. Schließlich erreichen wir so über unzählige Treppenstufen, die ab einer Höhe von etwa 800 Metern hier im Mittelalter von Mönchen erbaut wurden und momentan von nepalesischen Arbeitern ausgebessert und erweitert werden, das Hochplateau der Hardangervidda, der größten Hochebene Europas. Überwältigt vom Ausblick in den Fjord tief unter uns auf der einen und in die karge Ebene jenseits der Baumgrenze auf der anderen Seite können wir beide es kaum fassen, dass wir in nur 2,5 Stunden 1100 Höhenmeter bewältigt haben. Stolz wie Oskar genießen wir unseren Triumph bei einem Vesper, bevor wir den Abstieg wagen in Richtung Fjord, Heimat und Grillsesong. (Gastbeitrag von Karla Kolumna)
Von Parken, Planänderungen und Preispolitik
- Heute ist Sonntag, wir sind also seit 5 Tagen unterwegs und haben in dieser Zeit schon einige Erkenntnisse über Land und Leute gewonnen. Für den im Ausland als spießig und regelverliebt verschrieenen Deutschen vielleicht die wichtigste: Es gibt eine Nation, von der wir in Sachen Regeln noch Einiges lernen können,vor allem wenn es um’s Parken geht. In Oslo hatten wir dieses Kapitel ja durch den „Ikea-Trick“ elegant umgangen, in Stavanger jedoch gab es kein Entkommen mehr. Jede Straße im Zentrum ist mit Schildern versehen, die angeben, wann man dort parken darf. Erschwert wird die Sache dadurch, dass auf fast allen weitere Zusätze die Parkbedingungen spezifizieren. Selbstverständlich auf norwegisch. Kostenpflichtige Parkplätze können nur mit Kreditkarte bezahlt werden. Aber nicht mit den unsrigen. Eine Erklärung bekommen wir nicht, bzw.auf norwegisch. Also stellen wir uns vorläufig ins Parkhaus und machen dann mit beim leicht absurd anmutenden Auto-Umparkspiel, das hier alle zu spielen scheinen, denn die große Straße in unserer Nähe ist tagsüber komplett autofrei, sobald aber 18 Uhr ist, schießen wie aus dem Nichts von überall Autos hervor, um sich die besten Plätze für die nächste Nacht zu sichern. Uns dem Ganzen in guter linker Tradition zu widersetzen, trauen wir uns bei den Preisen, die überall aufgerufen werden, nicht. Vermutlich würde uns ein einziger Strafzettel an den Rande des Ruins bringen…
- A propos Ruin: Befeuert durch das Internet sowie wilde Warnungen derer, die Norwegen schon einmal bereist haben, hatten wir uns aus Angst hier oben entweder zu verarmen oder zu verhungern, bereits in Deutschland zu Hamsterkäufen hinreißen lassen, die einem an der Kasse die Schamesröte ins Gesicht trieben: 72 €für Fertiggerichte. Nicht ein einziges Vitamin im Wagen. Herr Maggi und Herr Knorr hätten sicher vor Rührung geweint. Jetzt jedoch kommt man sich, wenn man die Preistafeln vor den Restaurants sieht, sehr schlau und weitsichtig vor. 26€ für ein Curry, 10 € für ein Bier, 15€ für einen Döner. Einen DÖNER!! Im Supermarkt ist es immerhin ein bisschen humaner, da sind die Dinge etwa 2 (Bananen) bis 4 Mal (Brot) so teuer wie bei uns.
- Die dritte wichtige Erkenntnis ist, dass Planen hier zwar ein hübscher Zeitvetreib ist, aber eben nicht mehr. Zumindest nicht, wenn der Plan vom Wetter abhängt und die Wettervorhersagen hier mehr eine Glaskugelwissenschaft sind. So wurde unser sauber ausgefeilter Wanderplan (abseits der Massen nicht zum Preikestolen zu pilgern, sondern den höchsten Gipfel der Gemeinde Sandes zu erklimmen) vom prasselnden Regen verhindert. Dass aber eine Planänderung nicht immer etwas Schlechtes sein muss, erkannten wir spätestens, als wir unsere Partie Scrabble auf Norwegisch (oder dem, was wir dafür hielten) in einem sehr liebenswürdig verschrobenen Café beendet hatten, und uns bewaffnet mit einer im Netz gefundenen Karte auf die Jagd nach Streetart machten und ein völlig anderes Stavanger abseits der Touristenmeile in Gamla Stavanger entdeckten. Großartige Kunstwerke bald überlebensgroß an Fabrikgebäuden verewigt, bald im Handtaschenformat hinter der nächsten Ecke versteckt. Was man alles so sieht, wenn man einmal die Augen aufmacht. Wahnsinn. In diesem Sinne erwarten wir mit Spannung die Dinge, die noch kommen mögen, und machen uns morgen in die Hardangervidda. (Gastbeitrag von Karla Kolumna)
Abendgestaltung in Oslo
Wenn der Abend naht, steht der durchschnittliche Tourist in Norwegens Hauptstadt vor einem Problem: Das Trinken von Alkohol jedweder Art in der Öffentlichkeit ist verboten. Das Trinken von Alkohol jedweder Art in Bars oder Kneipen ist schlichtweg nicht erschwinglich. Dazu kommt, dass ein Abend wie heute, an dem sich die Stadt von ihrer grandiosesten Seite zeigt und alles in ein wunderschön warmes Abendlicht taucht, einem geradezu verbietet, im Zimmer vor olympischen Schwimmwettbewerben vor sich hin zu gammeln. Füchse, die wir sind, haben wir aber auch für dieses Problem eine Lösung: Flugs wird der importierte Gin in eine ausgediente Wasserflasche gefüllt und ab geht es auf das Dach (!) der Oper, eine der größten Sehenswürdigkeiten hier, wo wir in aller Seelenruhe auf den Oslofjord blickend unser „Wässerchen“ genießen und uns im Geheimen fragen, was wohl die Flaschen der Menschen um uns herum enthalten.
Gastbeitrag von Karla Kolumna
Nr. 6: Historisches Museum
Als letztes Museum das historische. Das besuche ich allein, V. hat genug gesehen für heute. Ich noch nicht. Vllt. bin ich museumssüchtig? Und wenn schon. Obwohl in einem großen Gebäude untergebracht, ist die Ausstellung eher klein. Wenig Ägypten, wenig Griechen, warum auch, das passt woanders besser. Naturgemäß Deutlicher Fokuss auf die Geschichte des Landes ab der Christianisierung, leider nichts zur vorgeschichtlichen Zeit Norwegens. Einen weiteren Schwerpunkt bilden die indigenen nordischen Völker rund um den Polarkreis. Die zeitgenössische Kultur der Samen und deren Intergration in die Nationalstaaten, die ihr traditionelles Siedlungsgebiet beherrschen, rundet diesen Bereich ab. Die Sonderausstellung zur Geschichte des persönlichen Schmuckes bzw. der persönlichen Gegenstände hat mich nicht abgeholt.
Nr. 5: Die Nationalgalerie
Größte Sammlung von Werken Munchs, natürlich auch „Der Schrei“. Mal schauen, was es sonst noch zu sehen gibt. Ne ganze Menge!! Eine kleine, aber feine Zusammenstellung von Impressionismus bis Expressionismus, sogar ein Macke findet sich darunter. Neben den bekannten internationalen Größen wir Degas, Cezanne, Matisse auch viel Einheimisches, mir als Laien kaum oder nicht Bekanntes: Krogh oder Werenskiold, der einen krassen Fotorealismus oder eher Naturalismus zeigt. Wie gesagt, Munchs „Schrei“ ist auch zu sehen, die Menschentraube davor überraschend klein und damit für mich überschaubar. Bilder evtl. später.