Herrmann Kurzke: Georg Büchner. Geschichte eines Genies

Ich habe schon die Thomas Mann Biographie von K. gelesen. Im Vergleich zum vorliegenden Buch scheint mir jene viel sachlicher, wissenschaftlicher zu sein als dieses. Aber die Voraussetzungen sind auch völlig unterschiedlich. Bei Mann ein großes Werk, tausende Seiten Briefe und Tagebücher, unzählige weitere Quellen. Bei Büchner liegen die Dinge ganz anders. Ein ebenso beeindruckendes aber arg schmales Werk, dazu kaum Briefe oder sonstige Selbstzeugnisse. So ist es natürlich sehr schwer, ein Leben zu erzählen, das darin entstandene Werk zu verankern, beides in Zusammenhang zu bringt, Motivationen, Anregungen, Absichten deutlich zu machen. Kurzke schafft das bis zu einem gewissen Grad trotzdem. Am besten noch im Kapitel zum Hessischen Landboten, vielleicht weil sich da das Leben des Autors am meisten mit dem „Werk“ schneidet. Wo die Belege ausgehen, wird Kurzke kreativ. Er nennt es „typologisches Verfahren“ (298). Kurzke setzt Büchner mit den Figuren seiner Werke gleich, lässt ihn ihre Worte sagen. Dieses Verfahren wird vor allem beim Danton häufig verwendet. Mit einer sachlichen Biographie hat das wenig zu tun. Manchmal schreibt K. innere Monologe Büchners (z. B. das Anatomie-Kapitel 346ff), gelegentlich kleine Fantasien (großartig die zu Beginn des Leonce und Lena-Kapitels „im Elysium“ (367). Mich hat das an Golo Manns Wallenstein-Biographie erinnert, in der es ein Kapitel gibt, in dem Mann Wallenstein träumen lässt, ein eher kreativer Ansatz als ein streng wissenschaftlicher: Bei Mann fällt das Kapitel aus dem ansonsten eher streng wissenschaftlichen Rahmen, bei Kurzke ist dieses Verfahren permanent eingesetzt. Immerhin kennzeichnet er entsprechende Passagen optisch im Druckbild und sprachlich im Konjunktiv. Mir persönlich ist dieses Verfahren zu impressionistisch, zu suggestiv. Ehrlich gesagt stört es mich ein wenig. Seine literarhistorische Einordnung Büchners dagegen erscheint mir vernünftig, frei von ideologischen Etiketten vergangener Jahrzehnte. Ich habe Kurzkes Mann Biographie gerade nicht vorliegen, aber sprachlich erscheint mir das Büchnerbuch frischer, moderner als die Mann-Biographie. Vielleicht richtet sich die Büchner-Biographie auch eher an ein interessiertes Laienpublikum und die Mann-Biographie eher an ein Fachpublikum.
Kurzke bezeichnet Büchner als Genie, wie ja auch der Titel bereits verrät. Er versucht im Laufe des Buche bestimmte Aspekte eines Genies zu verfolgen. Am deutlichsten ist hier der Aspekt des Traumas als Triebfeder eines Genies, das er bei Büchner am Ende überall findet. Da aber aus den spärlichen Informationen meist keine traumatischen Erlebnisse unmittelbar ableitbar sind, hilft Kurzke auch hier wieder die „typologische Methode“, deren Erkenntniswert am Ende zweifelhaft, deren Unterhaltungswert aber sicherlich hoch ist.
Was Kurzke über Büchners philosophische Manuskripte sagt, gilt im Grunde für seinen Umgang mit dem wenigen Material, das er für seine Biographie benutzen konnte: „Man muss sie geradezu quetschen, um hie und da eine These ans Licht zubefördern.“ (362)
Eine lohnende Lektüre ist das Buch aber auf jeden Fall, um sich Büchner zu nähern. Lohnend vor allem auch wegen des kurzen Kapitels zur Wirkungsgeschichte Büchners und des Schlussworts, indem Kurzke eingesteht, das Genie Büchners letztlich nicht erklären zu können.

Zu Umberto Ecos „Geschichte der legendären Länder und Städte“

Noch ein schönes Buch von Eco im selben Stile wie „Die Geschichte der Schönheit“ und der „Geschichte des Hässlichen“ o.ä.
D.h. mit vielen schönen Abbildungen aus 2500 Jahren Kunst und Buchkultur. Er geht hier chronologisch vor, über die Länder der Bibel, die legendären Länder der Griechen, Mittelalter etc. Dabei scheint er sich aber manchmal in Nebensächlichkeiten zu verstricken oder, positiv formuliert, abzuschweifen, wenn er zum Beispiel über die im Orient beliebten Automaten spricht, wo er doch über die legendären Länder sprechen möchte und gerade den mittelalterlichen Reisenden wie Marco Polo in den Orient folgt, wo er den Spuren des Priesterkönigs Johannes und seinem legendären Reich folgt.
das Buch bringt nichts Neues, höchsten vllt, ungewohnt nebeneinander Gestelltes. Jedes Kapitel schließt mit zum Teil ausführlichen Zitat aus den zuvor erwähnten Abschnitten. Das ist nicht immer notwendig in meinen Augen, hat aber den Vorteil, dass man auch mal den Orginalton hören kann. Für einen Mann vom Schlage eines Eco dürfte es keine Schwierigkeit sein, solch ein Buch zu schreiben, ist er doch ein ausgewiesener Kenner der abendländischen Kultur, vor allem des Mittelalters. Schön ist, dass dieses Buch auch immer wieder Abseitiges und Skuriles bringt, das doch immer in Form von Bücher auf uns gekommen ist. Die Liebe zum Buch als Träger von Wissen und Tradition und der Respekt auch vor wirklich Schrägem, wie den Pyramidologen, ehrt den Autor wie das vorliegende Buch. Wofür er weniger Respekt hat, ist die Verschwörungstheorie rund um den heiligen Gral und den ganzen Templer-DanBrown-RennelaChateux-Quark, der nachweislich völlig frei erfunden. Im Zusammenhang mit dem Thema des Buches mag die Auseinandersetzung damit etwas zu ausladend sein – dennoch bietet sie gerade demjenigen Aufklärung, der bislang geneigt war, zumindest Dan Brown Glauben schenken zu können.
Dieses Buch ist eine populärwissenschaftliche Kompilation von bekannten Traditionslinien, Geschichten, Geschicht und Mythen, über die Eco mühelos verfügt. Man kann es auch als zielgruppenorientiertes Buchprodukt bezeichnen, das mit dem Namen des Autors einen Popularitätsschub bekommt, aber man kann es auch schlicht als schönes, unterhaltsames Buch ansehen, das dem einen oder anderen Leser sicherlich einen tieferen Einblick in vergangene Kulturen geben kann.

Zu Christopher Clark: Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog.

Im Jahr des Bildungsbürgers gibt es genauso Highlights wie für andere Bevölkerungsschichten Events inszeniert werden, um sie bei der Stange und bei Laune zu halten. Ich weiß nicht, ob die systemstabilisierende Funktion unserer Eventkultur schon mal jemand genauer untersucht hat. Aber darum soll es jetzt nicht gehen. Das Event des intellektuellen Bildungsbürgers im Jahr 2014 ist die 100. Wiederkehr des Beginns des Ersten Weltkriegs. In der Bahnhofsbuchhandlung in der Nähe findet man ein Themenheft dazu aus so ziemlicher jeder Reihe, die den Markt für historisch Interessierte bedient. Wem das zu seicht ist, der greift zu schweren Wälzern, die mir letzter Zeit viel häufiger im  Bücherregal zu stehen scheinen als früher. Lesen die Menschen heute mehr? Schreckt ein dickes Buch den doch eigentlich Leid- und Langeweile geprüften Leser von Martin Walser nicht mehr ab, verlangt er vielleicht gerade ein schön dickes Buch, weil es mehr Prestige verspricht oder sonst einen äußerlichen Vorteil erhoffen lässt? Gibt es heute mehr zu sagen also vor 15 oder 20 Jahren? Oder wird einfach mehr Geschwätz gedruckt, das man sich auch schenken könnte? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass auch ich Schwierigkeiten habe, mich dem Event Erster Weltkrieg zu entziehen. Allein schon deshalb, weil mich dieses historische Ereignis und vor allem seine Vorgeschichte schon viele Jahre beschäfigen. So kompliziert die unmittelbare Vorgeschichte dieses Krieges ist, ich dachte, ich wüsste einigermaßen Bescheid. Nachdem ich Clarks Buch gelesen habe, muss ich feststellen, dass ich kaum einen Anflug von Ahnung von dem hatte, was man die Julikrise nennt.

Clark arbeitet die Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs so umfassend und so detailliert unter Einbeziehung aller Parteien und Entscheidungsträger in einer Präzision aus, dass mir gelegentlich schwindlig wurde und ich mehrfach einfach nur staunend auf das Buch blickte, ungläubig den Kopf schüttelte, nur um dann noch faszinierter weiter zu lesen. Der Aufarbeitung der Julikrise ist aber nur ein Teil des Buches gewidmet. Clark greift weit zurück, um Handlungen, Positionen, Entscheidungen der Beteiligten zu erklären. Das Buch beginnt mit der Schilderung der Ermordung des serbischen Königs im Jahr 1903. Eine barbarische Tat, die unmittelbar mit den Schüssen von Sarajewo elf Jahre später zusammenhängt. Allein dieses Kapitel über Serbien in den Jahren um die Jahrhunderwende bis 1914 ist in meinen Augen einfach brillant, in jeder Hinsicht. Sicherlich könnte man, wenn man sich die Mühe machte und sich ernsthaft ein paar Jahre mit dem Thema intensiv beschäftigt, zu abweichenden Einschätzungen kommen. Grundlegend revidieren dürfte man ihn nicht können, wobei das kein Qualitätsmerkmal einer historischen Arbeit ist. Groß ist die Zahl von historischen Studien, deren Ergebnisse zum Teil erheblich revidiert werden mussten und die dennoch von Wert sind, man denke hier an Fritz Fischers berühmtes Buch vom „Griff nach der Weltmacht“, das bekanntlich ebenfalls den Ersten Weltkrieg zum Thema hat und dem Deutschen Reich einen Plan zur Entfesselung des Ersten Weltkriegs zwecks Erreichung größenwahnsinniger imperialistischer Ziele unterstellt.

So sehr das Buch handwerklich und in seiner deutschen Übersetzung überzeugt, so ist es dennoch ein Buch über die Entstehung eines Krieges, der nicht nur furchtbares Leid und Zerstörung brachte, sondern auch langfristig verheerenden Einfluss auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts hatte. Ich erspare mir hier eine Aufzählung einiger Beispiele. Liest man dieses Buch, dann ist man so oft ganz einfach schockiert über die Leichtfertigkeit, die Inkompetenz, schockiert von der Kaltblütigkeit und Verlogenheit, mit der die Vertreter der verschiedendsten Konfliktparteien handelten. Um sich einen Vorteil zu verschaffen, dessen Voraussetzungen oftmals nur vage Vorstellungen oder Ausdruck von Wünschen oder Sehnsüchten waren, hat man sich um die „Wahrheit“ oder besser um die Realität nicht gekümmert, bzw. sie bewusst ignoriert. Das klingt alles so egositisch, ja am Ende kindisch, dass ich wirklich entsetzt war, dass die höchsten Vertreter der Staaten tatsächlich so waren, wie ich mir sie vorstellte, ja noch schlimmer. Nur ein Beispiel: Als die Österreicher (vor dem Ultimatum vom 23.7.1914) Beweise vorlegten, die eine Verbindung der Attentäter um den letztendlichen Todesschützen Gavrilo Princip zu den Spitzen der serbischen Regierung wahrscheinlich machten, wollte man davon in Russland oder Frankreich nichts wissen. Man gab zu verstehen, dass man überhaupt keine Beweis sehen wolle, weil Österreich einfach nicht Recht habe könne, und man dies auch niemals zugeben würde, selbst wenn die Beweise unumstößlich gewesen sein würden.

Ich kann nur hoffen, dass die Regierungen in unseren Tagen etwas mehr Ehrlichkeit oder Bereitschaft zur Objektivität im Umgang miteinander aufbringen, als das vor hundert Jahren der Fall war. Vor ein paar Wochen wäre ich da noch vorsichtig optimistisch gewesen. Angesichts der Entwicklung auf der Krim bin ich mir da nicht so sicher.

David Abulafia – Das Mittelmeer. Eine Biographie

Ein seltsam anmutender Titel. Wie kann man eine Biographie eines Meeres schreiben, wird man sich fragen. Und in der Tat, es ist keine Biographie eines Meeres, sondern eher eine Biographie seiner Anwohner. Abulafia beschreibt einen großen historischen Bogen: von den Spuren der ersten Siedlungen am Mittelmeer bis hinzu den von Touristen überquellenden Stränden Spaniens und anderer touristischer Gebiete. Den Fokus legt Abulafia auf Zeit des Mittelalters. Diese Abschnitte sind in meinen Augen auch die besten des Buches, was nicht weiter verwundert, ist Abulafia doch Spezialist für die Geschichte des Mittelmeers im Mittelalter. Hinten raus bleibt von der Dichte der Erzählung in den Passagen über das Mittelalter nur noch wenig übrig. Schmerzhaft kurz sind die Passagen über das 20. bzw. 21. Jahrhundert. Allerdings muss ein solches Werk raffend, auswählend sein, sonst verliert sich solch ein umgreifendes Werk im Uferlosen. Zwar kommt einem in diesem Buch vieles bekannt vor, denn bestimmte Abschnitte aus der griechisch-römischen Antike gehören zu den ausgetretenen Pfaden der Geschichte. Dennoch gelingt es Abulafia, eine wundervolle Geschichte des Mittelmeers zu erzählen, für die man sich gerne Zeit nimmt. Die deutsche Übersetzung trägt ihren Teil dazu bei, den Leser für diese großartige Geschichte einzunehmen. Aus unserer an Geschichten armen Zeit ragt dieses schöne Werk positiv heraus. Schön ist ebenfalls die Grundthese des Buches, dass es nämlich die Diversität verschiedener Völker, Kulturen und Religionen ist, die das Mittelmeer positiv geprägt haben und eben nicht die vielen oft gescheiterten Versuche, Einheitlichkeit sei in ethnischer oder religiöser Hinsicht zu schaffen. Gerade in den großen Handelsstädten, die im Laufe der Jahrtausende rund um das Mittelmeer geblüht haben, ist es die Diversität, die dieses Aufblühen erst ermöglichte. Welch ein schöner Gedanke auch für unsere globalisierte Welt. Unsere Unterschiedlichkeit ist unsere Stärke, wenn wir in der Lage und willens sind, sie bei unserem Gegenüber zu aktzeptieren.

Eric Hobsbawm – Gefährliche Zeiten

Am 1.10.2012 starb der Historiker Eric Hobsbawm. Kurz darauf fiel mir seine 2003 auf Deutsch erschienene Autobriografie in die Hände. Autobiographien von Historikern sind im Allgemeinen keine besondes reizvolle Lektüre, wenn man sich nicht für die jüngere Geschichte des Fachs interessiert. Im vorliegenden Fall ist das anders. Kaum einer war präsdestinierter, um den Beruf des Historikers zu ergreifen als E. Hobsbawm. Geboren in Ägypten zu Beginn des letztens Jahrhunderts als Sohn eines Engländers und einer jüdischen Wienerin, wuchs er in Mitteleuropa auf in einer Zeit, in der alles in Bewegung schien, Altes endgültig untergangen war und Neues seine dunklen Schatten sehen ließ. Irgendwann 1933 siedelte Hobsbawm von Berlin nach London, um dort die kommenden Jahre bis 1945 zu verbringen. Es sind die ersten Kapitel des Buches, die von dieser Zeit handeln und es sind auch die spannendesten. Früh zum Kommunismus bekehrt bewahrte er sich diesen Standpunkt bis an sein Lebensende, wenn auch natürlich nicht unreflektiert. Gerade die Reflexion über den eigenen weltanschaulichen Ort, von dem aus man die Welt betrachtet und als Historiker auch zu erklären hat, die sich durch das gesamte Buch zieht, macht es so lesenswert, wird man doch Zeuge vom Untergang eines politischen Experiments und der damit zusammenhängenden Demontage der dahinter stehenden Weltanschauung, die sich von dem Schlag, den ihr der real existierende Sozialismus versetzt hat, nie mehr erholt hat. Bemerkenswert ist es zu sehen, wie die Geschichte dieser Ideologie Hobsbawm zeitlebens in einem Prozess der kreativen Reflexion gezwungen hat, der einerseits eine Neubewertung der eigenen Standpunkte notwendig machte, ohne die tiefen Überzeugungen zu verlieren, wegen denen man sich einst vom Kommunismus angezogen fühlte. Am Ende steht die Einsicht, dass die Ideologien des Leninismus und Stalinismus, Trotzkismus  alle gescheitert sind, weil sie Ideale in bestimmter politischer Absicht instrumentalisierten, die, wenn man genau hinsieht, im Grunde gar nicht mal spezifisch kommunistische sind: Solidarität mit den Schwachen, Bemühen um eine gerechte Gesellschaft, Kampf gegen Unterdrückung, Freiheit, Brüderlichkeit. Hobsbawm hat an diesen Idealen festgehalten und für diese gestritten; und nebenbei noch eine ganze Reihe beeindruckender Werke verfasst, die aus seinen Überzeugungen keinen Hehl machen und die gerade deshalb so lesenswert sind, weil sie ein Urteil  nicht scheuen, vor dem so viele andere Historiker zurückschrecken, vielleicht weil sie noch immer dem Glauben anhängen, es gäbe eine historische Wahrheit außerhalb des Kopfes des Historikers. Ob man der Überzeugung von Hobsbawm Sympathie entgegenbringt oder ihr kritisch gegenüber steht, ist unwichtig. Es kommt darauf an, sich an Urteilen zu reiben und sich selbst einem vielleicht schmerzhaften Prozess der Verortung (politisch wie historisch) auszusetzen, der einen am Ende verändert haben wird.

Eric Ambler – Der Levantiner

Als Remittende in einem Regensburger Antiquariat neben einem Stapel anderer Bücher erstanden, stand das Buch eine ganze Weile bei mir im Regal in der Reihe der noch ungelesenen Bücher. Der Roman spielt zu Beginn der 70er Jahre im Nahen Osten. Er handelt von einem Engländer mit orientalischen Wurzeln, der rund ums östliche Mittelmeer eine großes Familienunternehmen leitet. Dieser Geschäftsmann,  Michael Howell, gerät in den Strudel der undurchsichtigen politischen  Umwälzungen,  die sich in dieser Region seit der Gründung des Staates Israel ereignet haben. In dem Versuch das Überleben des Geschäfts zu garantieren, biedert er sich den neuen sozialistischen Herren in Syrien an, die er in seinem Sinne zu instrumentalisieren sucht. Er gerät dabei aber in bedrohliche Nähe zu einer der zahlreichen  palästinensischen Terrorgruppen und wird unfreiwillig zu ihrem Helfershelfer. Es spielt sich eine rasante Story vor einem  historische  Hintergrund ab, der gerade angesichts der heutigen Geschehnisse in dieser Region die Verwickeltheit und das politische Chaos zeigt, das diese Region sind seit Jahrzehnten prägt.  Alle Fronten gehen durcheinander, sodass der Begriff Front selbst zum Irrwitz wird. Ideologien, wirtschaftliche Interessen, Religionen, Ethnien im Strudel gegenseitiger Konfrontation und gleichzeitiger zweckgebundener Kooperation. Und mittendrin der Westen, der an dem Chaos einiges an ursprünglicher Verantwortung trägt und verzweifelt, glück- und erfolglos agiert, die Unordnung am Ende noch steigert in seiner Arroganz und seinem Irrglauben, die verschiedene Parteien in seinem eigenen Sinne beeinflussen zu können.  Amblers Buch ist in unseren Tagen nicht nur ein Propädeutikum des Nahostkonflikts, sondern vor allem eine deprimierende Parabel einer weltpolitischen Farce.

Eugen Ruge -In Zeiten abnehmenden Lichts

Ein Familienroman. Als Buddenbrooks der DDR wurde dieser Roman von einer Kritikerin der Zeit bezeichnet. Der Klappentext führt das Zitat stolz auf. Wohl als Qualitätsmerkmal. So weit sollte man vielleicht nicht gehen, denn außer dass Ruges Buch ein Familienroman ist, hat er nichts mit den Buddenbrooks gemeinsam. Inhaltlich natürlich überhaupt nichts, aber auch von der Anlage her sind beide Bücher weit von einander entfernt. Was auf keinen Fall gegen Ruges Roman spricht, im Gegenteil. Der Roman ist modern flott erzählt,  manchmal ein wenig zu elliptisch, ein bissl zu sehr auf Pop getrimmt. Die Aufarbeitung der DDR im Medium des Familienromans ist in meinen Augen eine gute Idee, weil sie der Thematik die Schwere nimmt, das Politisch-Gesellschaftliche vom Privaten aus ein gutes Stück subjektiviert. Erzählt wird die Geschichte einer Familie, in der sich nicht nur die gesamte Geschichte der DDR spiegelt,  sondern die vor allem eine Typologie der Erwartungen, Hoffnungen, Illusionen spiegelt, die sich an der mittlerweile Gott sei dank ins Historische versunkenen DDR angelagert haben. Die Richtung ist deutlich: Hoffnung und Zuversicht, aber auch Opportunismus und Spießertum bei der ersten Generation von Charlotte und Wilhelm, Anpassung und zunehmende Resignation in der zweiten um Kurt und Irina, Unreflektiertes aus der Kindheit und und zunehmende Desillusioniertheit, aber auch Ablehnung beim zweit jüngsten Spross der Familie, Alexander. Gut getroffen ist die Gedankenwelt von Alexanders Sohn, irgendwo zwischen brutaler Unkenntnis der eigenen Vergangenheit und Naivität. Der Roman läuft bisweilen Gefahr, sich aufgrund der wechselnden Episoden und Perspektiven im Beliebigen zu verlieren. Aufgefangen wird das eine Weile lang durch die gute Idee, die Geburtstagsfeier zu Wilhelms 90. aus der Perspektive der meisten Familienangehörigen zu schildern. Das gibt dem Roman ein Zentrum. Diese Geburtstagfeier zeigt die Typen, ihre persönlichen Einstellungen zur DDR und verdichtet somit den auseinander driftenden Roman. Im Grunde spiegelt diese Szene bildhaft gedrängt das Schicksal eines ganzen Staates, inklusive der zweckentfremdeten Verwendung von Charlottes Tropfen. Auch deshalb wird man nicht umhin können, diesem Ereignis zentrale Bedeutung beizumessen.
Gut gelungen und in einem schönen Kontrast zu dem öden, grauen überorganisierten durchkontrollierten Leben in der DDR stehen die Abschnitte, die Alexanders Aufenthalt in Mexiko schildern, Wie dreckig, chaotisch, laut, schrill und bunt ist da alles. Alles geht durcheinander, ohne Plan, ohne Ziel, ohne Vision, aber dafür mit der ungembremsten Wucht der westlichen Freiheit. Das Ende führt in der Verschmelzung des Autors mit dem eigentlichen Protagonisten des Romans aus der Fiktion hinaus ins Historisch-Dokumentiernde, was dem Roman nichts von seiner Bitterkeit nimmt, die man den Autor am Ende in der Melancholie der Erinnerung an das eigne Leben erfolglos zurücknehmen meint.
Ein guter Roman, der aber ein wenig daran krankt, dass es einem schwer fällt, zu einem der Protagonisten Sympathie aufzubauen. Der Vergleich mit den Buddenbrooks entbehrt vor allem darum jeder Grundlage, da hier im Gegensatz zu dort, vor allem dem korperliche und geistige Verfall der Figuren im Vordergrund zu stehen scheint. Der Niedergang einer Familie ist hier streng genommen nicht zu beobachten, da Familie hier nur als ein oberflächlich und äußerlich durchgeführtes Konzept bei den Umnitzers erscheint. Alle Familienmitglieder erscheinen kalt, keiner hegt für den anderen Sympathie oder gar Zuneigung, ja, je weiter der Roman fortschreitet desto deutlicher wird, dass der soziale Verband nicht aufgrund des Niedergangs der DDR zerfällt, sondern weil die „Familie“ Umnitzer von Anfang an eine Lüge war. Somit löst der Tod mit der Zeit auch die letzten (Ver-) Bindungen.

Erik Reger – Union der festen Hand

Unter dem Pseudonym Erik Reger veröffentlichte Hermann Dannenberger 1931 den Roman „Union der festen Hand“. Ausgehend von seiner langjähriger Arbeit in der Presseabteilung der Friedrich Krupp AG  legt er auf 500 Seiten die Anatomie des Kapitalismus  zur Zeit der Weimarer Republik frei. Er zeigt in die Realität kaum verhüllender Form die Machenschaften der Krupps und ihrer Geschäftspartner, die Verstrickungen der Firmen in die Politik, die Manipulation der Presse und den berechnenden Umgang mit der eigenen Belegschaft in epischer Breite und in überwiegend journalistischem Ton. Den Kapitalisten, die von einer Clique immer wieder auftauchender Figuren repräsentiert werden, stehen die Arbeitnehmer gegenüber, die sich ihrerseits in Angestellte, Arbeiter und deren Angehörige einteilen lassen. Den Kapitalisten gehört die Sympathie des Autors nicht. Sie werden durchweg  als arrogant, hochmütig, berechnend, zynisch, egoistisch und profitgierig dargestellt. Und ihre Handlungen bestätigen dieses Bild vollends. Der Unternehmer strebt nach Profit, dieser ermöglicht Macht, diese ermöglicht Einfluss, dieser wird zum Zwecke der Profitsteigerung eingesetzt, womit sich der Kreis schließt. Dieser Mechanismus ist wohl auch dem einfältigsten Occupy-„Aktivisten“ klar und gehört zu den Urweisheiten des angewandten Kapitalismus. Das macht ihn aber deshalb noch nicht banal, im Gegenteil. Dieses Axiom des Kapitalismus gilt für jeden Bereich, der Geschäfte macht und durch die reine Größe und den Einfluss der Unternehmung eine Gesellschaft beeinflusst, ganz egal, ob es sich um riesige Montan- oder Schwerindustriekonzerne handelt, wie im vorliegenden Beispiel, oder um Banken wie im Moment.

Was aber wesentlich aufschlussreicher ist, ist der Umgang der Unternehmer miteinander. Reger zeichnet ein schizophrenes System nach, der einerseits auf Konkurrenz zu basieren scheint, andererseits aber gleichzeitig von gemeinsamer Kumpanie  und profitorientierter Solidarität (wenn man das so nennen kann) geprägt ist. Man bildet Allianzen, um Preise, Einflusssphären oder Absatzmärkte gegen Konkurrenz zu sichern. Ein paradoxer Kreislauf, dessen Logik nicht so leicht nachzuvollziehen ist. Es gibt nicht einmal einen gemeinsamen Feind, von den Kommunisten, Sozialdemokraten und den Gewerkschaften mal abgesehen. Mal wird einer zum Konkurrent, der eben noch ein Verbündeter war und umgekehrt. Der Feind ist alles, was den Profit mindert.  Große Anstrengungen legt die aus Gründen der Profitmaximierung gegründete Union der festen Hand, die aus den größten Kohle- und Stahlwerken (sowie aus einigen weiteren Konzernen) besteht, an Tag, wenn es darum geht, die Arbeitnehmervertreter klein zu halten oder durch vorgeblich gemeinnützige Taten soziales Profil zu entwickeln. Dies geschieht hauptsächlich über massive Manipulation der öffentlichen Meinung durch Werbung, wissenschaftliche Veröffentlichungen, durch gezielt platzierte Propaganda in verschiedensten Organen. Auch das ist  nichts historisch Singuläres. Man denke doch einen kurzen Augenblick an die schönen Werbespots der Energierwirtschaft, die saubere Technologien zur Energiegewinnung für sich beanspruchen, von denen keine einzige mehr ist als eine Powerpoint-Präsentation bei „Jugend forscht“ (Stichwort Gezeitenkraftwerk der RWE).

 Bei allem offensichtlichen Abscheu gegen den Kapitalismus im Allgemeinen kommt allerdings auch die Arbeitnehmerschaft  nicht gut weg. Adam Griguszies ist so etwas wie der Protagonist der Arbeiterschaft, denn ihn verfolgt man über manchen Etappen durch den ganzen Roman hindurch. Ihm gehört noch die meiste Sympathie des Autors. Dem Rest der Arbeiterschaft bescheinigt Reger kleinbürgerlichen Ehrgeiz, es besser haben zu wollen als der Nachbar, fehlende Solidarität untereinander, Streitsucht, Eigennutz, Unwissenheit und das Verharren in schlichtesten Denkmustern, das sich sprachlich im Wiederholen von Redewendungen und Phraseologismen niederschlägt. Im Grunde sind Unternehmer und Arbeiter vom gleichen Schlag. Das ist antrophologisch gesehen doch immerhin positiv.

Mit der Zeit tauchen auch die Nazis auf der politischen Bühne auf, und einige der Unternehmer ergreifen die scheinbare politische Alternative, um sie für ihre Zwecke einzuspannen wie die übrigen Parteien auch. Man hat Reger vorgeworfen, dass er die massive Zunahme des Einflusses der Nationalsozialisten auf die Unternehmer nicht im richtigen Maß erfasst hat. Ich denke, man kann ihm diesen Vorwurf nicht machen, ohne zu bedenken, dass die großen Unternehmer erst  nach der Machtergreifung (oder zumindest erst sehr kurz vorher) Hitler in die Arme gefallen sind. Auf diese Art von politischer Toleranz, jedes System anzunehmen, solange es einem gute Profite ermöglicht, hingewiesen zu haben, ist allerdings ein Verdienst von Reger.

Im Ganzen gesehen ist dieser sehr dokumentarische Roman also zuerst als ein Schwarzbuch des Kapitalismus zu lesen. Man kann ihn aber auch als eine Eschatolgie der Moderne lesen, die sich im Taumel der kapitalistischen Ersatzreligion im Egoismus aller und im Gewinnstreben einiger weniger selbst zerfleischt.

Nietzsches Jungendschriften

Zwischen dem 18. August und dem 1. September 1858 schreibt der 14-jährige Friedrich Wilhelm Nietzsche einen Text, der den Titel „Aus meinem Leben – I. Die Jugendjahre“ trägt. Nein, nein keine Angst, das soll nicht der Aufhänger sein, um Autobiographien „jugendlicher“  „Berühmtheiten“ zu besprechen oder mit dem Vorbild aus dem 19. Jahrhundert zu vergleichen, auch wenn es sicherlich interessant wäre, Nietzsches Jugendschriften mit der eben erschienenen Autobiographie von Daniela Katzenberger zu vergleichen. Dazu müsste man dieses Werk aber gelesen haben, und ehrlich gesagt ist mir meine Zeit und mein Geld dafür zu schade. Sollte mir der Verlag oder sonstwer das Buch zur Verfügung stellen, werde ich dies natürlich sehr gerne tun ;-).

 Der Text eröffnet eine fünfbändige Ausgabe von Nietzsches Jugendschriften bis ins Jahr 1869, die ursprünglich den Grundstock zu einer historisch-kritischen Werkausgabe bilden sollten, wozu es aber nicht gekommen ist ( Stichwort  2. Weltkrieg).

Nietzsche beschreibt in diesem Text seine Kindheit und seine Jugend in Röcken und Naumburg. Es werden der Vater, die Heimatstadt und verschiedene dem Jungen wichtige Personen beschrieben (Freunde, Lehrer). Der Ton ist ingesamt konventionell und keineswegs ist daraus die spätere Gedankenwelt Neitzsches bereits im Kern abzulesen, abgesehen vielleicht von dem etwas altklug wirkenden Selbstvertrauen, das der 14-jährige beweist, wenn er von seiner künstlerischen Entwicklung als Dichter spricht oder allgemeine Ansichten zur Musik äußert. Zynisch mag einem der Hinweis des Jungen auf den Tod seines Vaters erscheinen. Ein zur Hilfe gerufener Arzt diagnostizierte zu “ […]aller Erschrecken […] eine Gehirnserweichung […]“.( BAW I,4) Umgangsprachlich wird Nietzsches Krankheit, die sogenannte progressive Paralyse, die  mit dem Zusammenbruch in Turin im Jahr 1889 vollends durchbrach, ebenfalls als Gehirnerweichung bezeichnet.

Interessant ist, wie er Schicksalschläge verbalisiert. Jedes negative Ereignis existenziellen Ausmaßes wird in meteorlogische Bilder gefasst. Die Krankheit des Vaters beispielsweise wird folgendermaßen erzählt: „Bis hieher [sic!] hatte uns immer Glück und Freude geleuchtet, ungetrübt war unser Leben dahingeflossen, wie ein heller Sommertag; aber da thürmten sich schwarzen [sic!] Wolken auf, Blitze zuckten  und verderbend fallen die Schläge des Himmels nieder.“(BAW I,4) Im Grunde ebenfalls konventionell, wenn man bedenkt, dass Blitz und Donner zum ikonographischem Inventar des Göttervater Zeus gehörten. Aber vielleicht kann man hier die Lektüre von Goethes Werther erkennen, wo meines Wissens zum ersten Mal die Verbindung der Naturerscheinungen mit dem persönlichen Empfinden des eigenen Schicksals geknüpft wurde. Man erinnere sich beispielsweise an jenen Brief vom 12.12.1772:

„Manchmal ergreift mich’s; es ist nicht Angst, nicht Begier–es ist ein inneres, unbekanntes Toben, das meine Brust zu zerreißen droht, das mir die Gurgel zupreßt! Wehe! Wehe! Und dann schweife ich umher in den furchtbaren nächtlichen Szenen dieser menschenfeindlichen Jahrszeit.

Gestern abend mußte ich hinaus. Es war plötzlich Tauwetter eingefallen, ich hatte gehört, der Fluß sei übergetreten, alle Bäche geschwollen und von Wahlheim herunter mein liebes Tal überschwemmt! Nachts nach eilfe rannte ich hinaus. Ein fürchterliches Schauspiel, vom Fels herunter die wühlenden Fluten in dem Mondlichte wirbeln zu sehen, über Äcker und Wiesen und Hecken und alles, und das weite Tal hinauf und hinab eine stürmende See im Sausen des Windes! Und wenn dann der Mond wieder hervortrat und über der schwarzen Wolke ruhte, und vor mir hinaus die Flut in fürchterlich herrlichem Widerschein rollte und klang: da überfiel mich ein Schauer, und wieder ein Sehnen! Ach, mit offenen Armen stand ich gegen den Abgrund und atmete hinab! Hinab! Und verlor mich in der Wonne, meine Qualen, meine Leiden da hinabzustürmen! Dahinzubrausen wie die Wellen!“

 Ich gebe zu, die These mag ein wenig weit hergeholt sein, vor allem in Hinsicht auf die ganz im Traditionellen verhaftete Sprache des Jungen, zumal ich nicht weiß, ob der 14-jährige den Werther damals bereits gelesen hatte. Ist ja auch nur ne Idee.

Der Text des jungen Nietzsche ist aber aus einem anderen Grund  faszinierend. Man kann einen Nietzsche beobachten, den man bisher nicht kannte. Einen, der noch eine kindlich anmutende Frömmigkeit an den Tag legt, der den Rahmen des Traditionellen in Sprache wie Inhalt nicht verletzt, ja im Gegenteil geradezu bestrebt scheint, den Konventionen vollends gerecht zu werden. Seine Sprache ist  noch nachgiebig, brav, fast sanft im Vergleich zu später. Die stählerne Härte und die Rigoroistät des „alten“ Nietzsche, die einen manchmal fröstlen lässt, aber eben auch ein Faszinosum ist, fehlt hier noch völlig. Irgendwie ist das beruhigend…

Martin Walser “Muttersohn“ 4. Fazit

Mein abschließendes Fazit zu diesem Roman kommt ein wenig spät, ich weiß. Aber ich wollte erst einmal ein Abstand zwischen mich und das Buch bringen, um nicht in ein vorschnelles Urteil zu verfallen.
Also: ich halte den Roman im Ganzen für gescheitert. Die formale Anlage ist wirr, der Inhalt über weite Strecken einfach belanglos. Walser ist und bleibt ein Provinzialist, dessen Kosmos nicht über Main und Bodensee hinausgeht. Und genau so sind seine Figuren. Wenn hier offensichtlich versucht wird, über Dinge wie das Göttliche, den Glauben und die Liebe zu sprechen und eine den heutigen Umständen entsprechende Form dafür zu entwickeln, wieso wird dann doch wieder Swedenborg u.a. zitiert?
Ich denke, hier versucht jemand krampfhaft modern sein zu wollen, was aber wie so oft peinlich wirkt. Walser ist Schriftsteller aus einer anderen Zeit. Das sollte er akzeptieren und nicht versuchen etwas zu sein, was man nicht ist. Ein Kommentar zu einem Eintrag zu diesem Roman schrieb, hier lese man nicht, man erlebe mit. Leider stimmt das nur, wenn den Autor in den Blick nimmt. Man erlebt den Beweis des Unzeitgemäßen des Altmodischen im Versuch zeitgemäß sein zu wollen.

Der Meister und Margarita – Orgelfabrik 2.9.2011

Ein tolles Haus, ein großartiges Ambiente. Die Orgelfabrik passt perfekt ins beschauliche, kleine Durlach. Gestern konnte man dort die Umsetzung von Bulgakows Roman für die Bühne anschauen. Wer den Roman gelesen hat, weiß, dass das eine mutige Aufgabe ist, dieses Werk auf eine Bühne zu bringen. Man sieht sich vor zwei grundlegende Entscheidungen gestellt: entweder das Werk so getreu wie möglich auf der Bühne abbilden, oder heftig in das Gefüge der Geschichte eingreifen, um daraus eine im weitesten Sinne dramatische Struktur zu entwickeln, die dieser Art von Kunst entspricht. Die erste Variante ist im Rahmen der Orgelfabrik natürlich nicht zu realisieren und ich würde so etwas auch gar nicht sehen wollen. Es müsste bombastisch, überladen werden.
Also blieb nur die zweite Möglichkeit. Leider ist man nicht konsequent genug vorgegangen. Man wollte dem Gerüst des Romans folgen und so kam es zu einigen weniger gelungenen Szenen, in denen einfach nur Inhalt referiert wurde oder per Filmeinspielung Rückblenden vorgenommen wurden, um den Geamtzusammenhang aufrecht zu erhalten. Man hätte vielleicht die ganze eingeschobene Pilatushandlung streichen können, die ohnehin nur an einigen wenigen Stellen zu Tage trat. Für die Geschichte um Voland und seine Umtriebe in der Stadt braucht man die Pilatusepisoden nicht. Sicher, im Roman haben sie ihren Platz, aber ein Theaterstück ist kein Roman.
Man muss sagen, dass die Macher des Stücks an der Aufgabe, den Roman auf die Bühne zu bringen, gescheitert sind. Das ist keine Schande. Dieses Buch ist zu vielschichtig und grotesk verdreht, dass es in meinen Augen nicht umsetzbar ist, ohne dem ganzen Werk größere Gewalt anzutun.
Die Leistung der Schauspieler dagegen war tadellos, was das Publikum etwas mehr hätte würdigen dürfen. Trotz der oben genannten  strukturellen Probleme war es eine tolle Aufführung, die sich dem großartigen Rahmen würdig erwiesen hat.

Martin Walser – Muttersohn 3

Der Abschnitt, in dem Percy aufgrund seiner mittlerweile bekannten Überzeugung, ohne Beitrag eines männlichen Erzeugers auf die Welt gekommen zu sein, ist gut gelungen, auch wenn das Bemühen, die Gepflogenheiten der „anspruchsvollen“ Gesprächsrunden im TV ein wenig auf den Arm zu nehmen in meinen Augen deutlich zu erkennen ist. Sprachlich besser gelungen, da hier die Dialogstruktur die einzig adäquate ist. Es folgt der zweite Teil, das Leben des Ewald Kainz. Es erzählt die Lebensgeschichte des Ewald Kainz, Insasse der Psychatrie, in der Percy ihn mit seiner Schweigetherapie behandelt, Adressat zahlreicher Briefe an Percys Mutter, die diese aber niemals abschickte.

Martin Walser – Muttersohn 2

Nach knapp 150 Seiten (Nipperdey lenkt mich ab) lässt sich feststellen, dass die ganze Sache doch recht belanglos ist. Die Gespräche zwischen Feinlein und Percy wirken oberflächlich, nicht gerade uninteressant, aber insgesamt ja, eben belanglos. Ebenso die Lebengeschichte von Percys Mutter, die er dem Angebeteten seiner Mutter, Kainz, in dessen Zimmer in der Psychatrischen Anstalt erzählt. Die Stilisierung Percys zu einer Jesusfigur wird zwischen diesen ganzen Dialogen immer wieder deutlich, aber wozu?? Was die Sprache angeht, so bestätige ich ausdrücklich meinen ersten Eindruck der Einfachheit ohne ästhetische Dimension.

Ich hoffe, da tut sich noch was…

Martin Walser – Muttersohn

Es ist nur mein erster Eindruck nach ein paar Dutzend Seiten. Aber ist Walsers neuer Roman nicht eine Art von Jesus Christus-Karikatur? Oder gar eine Persiflage auf die Passion Jesu. Ein Mann behauptet, dass bei seiner „Entstehung“ kein Mann vonnöten gewesen sei. Er hat, so scheint es bis jetzt, auf alle einen wohltuenden Einfluss. Vielleicht kommt noch ein Prise Genie mit in diese Geschichte, die man vielleicht, ich weiß ja nicht, wie es weitergeht, auch als einen Roman von der Wiederkunft Christi gelesen werden kann. Oder vielleicht gleichzeitig auch als eine Art eschatologischer Selbstfindungsroman jenseits des Adolenzensromans oder der coming of age Filmchen der letzten Zeit? Mal sehen. Sprachlich überzeugt mich das Buch allerdings noch nicht. Im Vergleich mit dem sprachlichen Niveau von beispielsweise „Ein springender Brunnen“ fällt der „Muttersohn“ doch ab. Es wirkt wirr auf den ersten Blick. Sprunghaft.

Eine Anmerkung zu Charles Dickens: Oliver Twist

So, zum ersten Mal in meinem Leben Dickens gelesen. Wurde auch Zeit, mag man sagen. Hat sich eben nicht ergeben. Oliver Twist ist großartig, keine Frage. Das ist schon oft bemerkt worden. Was mich aber ein wenig befremdet, ist das Ende des Romans. Sicher, wer gönnt es dem armen Oliver nicht, dass er Familienmitglieder findet, eine Erbschaft macht und bei netten Leuten leben darf. In gesundem Klima auf dem Land, nicht im Moloch London. Aber ist diese Antithese von beschaulichem Land und der Großstadt nicht ein wenig naiv, selbst für die Entstehungszeit des Textes?