Nietzsches Jungendschriften

Zwischen dem 18. August und dem 1. September 1858 schreibt der 14-jährige Friedrich Wilhelm Nietzsche einen Text, der den Titel „Aus meinem Leben – I. Die Jugendjahre“ trägt. Nein, nein keine Angst, das soll nicht der Aufhänger sein, um Autobiographien „jugendlicher“  „Berühmtheiten“ zu besprechen oder mit dem Vorbild aus dem 19. Jahrhundert zu vergleichen, auch wenn es sicherlich interessant wäre, Nietzsches Jugendschriften mit der eben erschienenen Autobiographie von Daniela Katzenberger zu vergleichen. Dazu müsste man dieses Werk aber gelesen haben, und ehrlich gesagt ist mir meine Zeit und mein Geld dafür zu schade. Sollte mir der Verlag oder sonstwer das Buch zur Verfügung stellen, werde ich dies natürlich sehr gerne tun ;-).

 Der Text eröffnet eine fünfbändige Ausgabe von Nietzsches Jugendschriften bis ins Jahr 1869, die ursprünglich den Grundstock zu einer historisch-kritischen Werkausgabe bilden sollten, wozu es aber nicht gekommen ist ( Stichwort  2. Weltkrieg).

Nietzsche beschreibt in diesem Text seine Kindheit und seine Jugend in Röcken und Naumburg. Es werden der Vater, die Heimatstadt und verschiedene dem Jungen wichtige Personen beschrieben (Freunde, Lehrer). Der Ton ist ingesamt konventionell und keineswegs ist daraus die spätere Gedankenwelt Neitzsches bereits im Kern abzulesen, abgesehen vielleicht von dem etwas altklug wirkenden Selbstvertrauen, das der 14-jährige beweist, wenn er von seiner künstlerischen Entwicklung als Dichter spricht oder allgemeine Ansichten zur Musik äußert. Zynisch mag einem der Hinweis des Jungen auf den Tod seines Vaters erscheinen. Ein zur Hilfe gerufener Arzt diagnostizierte zu “ […]aller Erschrecken […] eine Gehirnserweichung […]“.( BAW I,4) Umgangsprachlich wird Nietzsches Krankheit, die sogenannte progressive Paralyse, die  mit dem Zusammenbruch in Turin im Jahr 1889 vollends durchbrach, ebenfalls als Gehirnerweichung bezeichnet.

Interessant ist, wie er Schicksalschläge verbalisiert. Jedes negative Ereignis existenziellen Ausmaßes wird in meteorlogische Bilder gefasst. Die Krankheit des Vaters beispielsweise wird folgendermaßen erzählt: „Bis hieher [sic!] hatte uns immer Glück und Freude geleuchtet, ungetrübt war unser Leben dahingeflossen, wie ein heller Sommertag; aber da thürmten sich schwarzen [sic!] Wolken auf, Blitze zuckten  und verderbend fallen die Schläge des Himmels nieder.“(BAW I,4) Im Grunde ebenfalls konventionell, wenn man bedenkt, dass Blitz und Donner zum ikonographischem Inventar des Göttervater Zeus gehörten. Aber vielleicht kann man hier die Lektüre von Goethes Werther erkennen, wo meines Wissens zum ersten Mal die Verbindung der Naturerscheinungen mit dem persönlichen Empfinden des eigenen Schicksals geknüpft wurde. Man erinnere sich beispielsweise an jenen Brief vom 12.12.1772:

„Manchmal ergreift mich’s; es ist nicht Angst, nicht Begier–es ist ein inneres, unbekanntes Toben, das meine Brust zu zerreißen droht, das mir die Gurgel zupreßt! Wehe! Wehe! Und dann schweife ich umher in den furchtbaren nächtlichen Szenen dieser menschenfeindlichen Jahrszeit.

Gestern abend mußte ich hinaus. Es war plötzlich Tauwetter eingefallen, ich hatte gehört, der Fluß sei übergetreten, alle Bäche geschwollen und von Wahlheim herunter mein liebes Tal überschwemmt! Nachts nach eilfe rannte ich hinaus. Ein fürchterliches Schauspiel, vom Fels herunter die wühlenden Fluten in dem Mondlichte wirbeln zu sehen, über Äcker und Wiesen und Hecken und alles, und das weite Tal hinauf und hinab eine stürmende See im Sausen des Windes! Und wenn dann der Mond wieder hervortrat und über der schwarzen Wolke ruhte, und vor mir hinaus die Flut in fürchterlich herrlichem Widerschein rollte und klang: da überfiel mich ein Schauer, und wieder ein Sehnen! Ach, mit offenen Armen stand ich gegen den Abgrund und atmete hinab! Hinab! Und verlor mich in der Wonne, meine Qualen, meine Leiden da hinabzustürmen! Dahinzubrausen wie die Wellen!“

 Ich gebe zu, die These mag ein wenig weit hergeholt sein, vor allem in Hinsicht auf die ganz im Traditionellen verhaftete Sprache des Jungen, zumal ich nicht weiß, ob der 14-jährige den Werther damals bereits gelesen hatte. Ist ja auch nur ne Idee.

Der Text des jungen Nietzsche ist aber aus einem anderen Grund  faszinierend. Man kann einen Nietzsche beobachten, den man bisher nicht kannte. Einen, der noch eine kindlich anmutende Frömmigkeit an den Tag legt, der den Rahmen des Traditionellen in Sprache wie Inhalt nicht verletzt, ja im Gegenteil geradezu bestrebt scheint, den Konventionen vollends gerecht zu werden. Seine Sprache ist  noch nachgiebig, brav, fast sanft im Vergleich zu später. Die stählerne Härte und die Rigoroistät des „alten“ Nietzsche, die einen manchmal fröstlen lässt, aber eben auch ein Faszinosum ist, fehlt hier noch völlig. Irgendwie ist das beruhigend…

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