Martin Walser “Muttersohn“ 4. Fazit

Mein abschließendes Fazit zu diesem Roman kommt ein wenig spät, ich weiß. Aber ich wollte erst einmal ein Abstand zwischen mich und das Buch bringen, um nicht in ein vorschnelles Urteil zu verfallen.
Also: ich halte den Roman im Ganzen für gescheitert. Die formale Anlage ist wirr, der Inhalt über weite Strecken einfach belanglos. Walser ist und bleibt ein Provinzialist, dessen Kosmos nicht über Main und Bodensee hinausgeht. Und genau so sind seine Figuren. Wenn hier offensichtlich versucht wird, über Dinge wie das Göttliche, den Glauben und die Liebe zu sprechen und eine den heutigen Umständen entsprechende Form dafür zu entwickeln, wieso wird dann doch wieder Swedenborg u.a. zitiert?
Ich denke, hier versucht jemand krampfhaft modern sein zu wollen, was aber wie so oft peinlich wirkt. Walser ist Schriftsteller aus einer anderen Zeit. Das sollte er akzeptieren und nicht versuchen etwas zu sein, was man nicht ist. Ein Kommentar zu einem Eintrag zu diesem Roman schrieb, hier lese man nicht, man erlebe mit. Leider stimmt das nur, wenn den Autor in den Blick nimmt. Man erlebt den Beweis des Unzeitgemäßen des Altmodischen im Versuch zeitgemäß sein zu wollen.

Martin Walser – Muttersohn 3

Der Abschnitt, in dem Percy aufgrund seiner mittlerweile bekannten Überzeugung, ohne Beitrag eines männlichen Erzeugers auf die Welt gekommen zu sein, ist gut gelungen, auch wenn das Bemühen, die Gepflogenheiten der „anspruchsvollen“ Gesprächsrunden im TV ein wenig auf den Arm zu nehmen in meinen Augen deutlich zu erkennen ist. Sprachlich besser gelungen, da hier die Dialogstruktur die einzig adäquate ist. Es folgt der zweite Teil, das Leben des Ewald Kainz. Es erzählt die Lebensgeschichte des Ewald Kainz, Insasse der Psychatrie, in der Percy ihn mit seiner Schweigetherapie behandelt, Adressat zahlreicher Briefe an Percys Mutter, die diese aber niemals abschickte.

Martin Walser – Muttersohn 2

Nach knapp 150 Seiten (Nipperdey lenkt mich ab) lässt sich feststellen, dass die ganze Sache doch recht belanglos ist. Die Gespräche zwischen Feinlein und Percy wirken oberflächlich, nicht gerade uninteressant, aber insgesamt ja, eben belanglos. Ebenso die Lebengeschichte von Percys Mutter, die er dem Angebeteten seiner Mutter, Kainz, in dessen Zimmer in der Psychatrischen Anstalt erzählt. Die Stilisierung Percys zu einer Jesusfigur wird zwischen diesen ganzen Dialogen immer wieder deutlich, aber wozu?? Was die Sprache angeht, so bestätige ich ausdrücklich meinen ersten Eindruck der Einfachheit ohne ästhetische Dimension.

Martin Walser – Muttersohn

Es ist nur mein erster Eindruck nach ein paar Dutzend Seiten. Aber ist Walsers neuer Roman nicht eine Art von Jesus Christus-Karikatur? Oder gar eine Persiflage auf die Passion Jesu. Ein Mann behauptet, dass bei seiner „Entstehung“ kein Mann vonnöten gewesen sei. Er hat, so scheint es bis jetzt, auf alle einen wohltuenden Einfluss. Vielleicht kommt noch ein Prise Genie mit in diese Geschichte, die man vielleicht, ich weiß ja nicht, wie es weitergeht, auch als einen Roman von der Wiederkunft Christi gelesen werden kann. Oder vielleicht gleichzeitig auch als eine Art eschatologischer Selbstfindungsroman jenseits des Adolenzensromans oder der coming of age Filmchen der letzten Zeit? Mal sehen. Sprachlich überzeugt mich das Buch allerdings noch nicht. Im Vergleich mit dem sprachlichen Niveau von beispielsweise „Ein springender Brunnen“ fällt der „Muttersohn“ doch ab. Es wirkt wirr auf den ersten Blick. Sprunghaft.