David Abulafia – Das Mittelmeer. Eine Biographie

Ein seltsam anmutender Titel. Wie kann man eine Biographie eines Meeres schreiben, wird man sich fragen. Und in der Tat, es ist keine Biographie eines Meeres, sondern eher eine Biographie seiner Anwohner. Abulafia beschreibt einen großen historischen Bogen: von den Spuren der ersten Siedlungen am Mittelmeer bis hinzu den von Touristen überquellenden Stränden Spaniens und anderer touristischer Gebiete. Den Fokus legt Abulafia auf Zeit des Mittelalters. Diese Abschnitte sind in meinen Augen auch die besten des Buches, was nicht weiter verwundert, ist Abulafia doch Spezialist für die Geschichte des Mittelmeers im Mittelalter. Hinten raus bleibt von der Dichte der Erzählung in den Passagen über das Mittelalter nur noch wenig übrig. Schmerzhaft kurz sind die Passagen über das 20. bzw. 21. Jahrhundert. Allerdings muss ein solches Werk raffend, auswählend sein, sonst verliert sich solch ein umgreifendes Werk im Uferlosen. Zwar kommt einem in diesem Buch vieles bekannt vor, denn bestimmte Abschnitte aus der griechisch-römischen Antike gehören zu den ausgetretenen Pfaden der Geschichte. Dennoch gelingt es Abulafia, eine wundervolle Geschichte des Mittelmeers zu erzählen, für die man sich gerne Zeit nimmt. Die deutsche Übersetzung trägt ihren Teil dazu bei, den Leser für diese großartige Geschichte einzunehmen. Aus unserer an Geschichten armen Zeit ragt dieses schöne Werk positiv heraus. Schön ist ebenfalls die Grundthese des Buches, dass es nämlich die Diversität verschiedener Völker, Kulturen und Religionen ist, die das Mittelmeer positiv geprägt haben und eben nicht die vielen oft gescheiterten Versuche, Einheitlichkeit sei in ethnischer oder religiöser Hinsicht zu schaffen. Gerade in den großen Handelsstädten, die im Laufe der Jahrtausende rund um das Mittelmeer geblüht haben, ist es die Diversität, die dieses Aufblühen erst ermöglichte. Welch ein schöner Gedanke auch für unsere globalisierte Welt. Unsere Unterschiedlichkeit ist unsere Stärke, wenn wir in der Lage und willens sind, sie bei unserem Gegenüber zu aktzeptieren.

Eric Hobsbawm – Gefährliche Zeiten

Am 1.10.2012 starb der Historiker Eric Hobsbawm. Kurz darauf fiel mir seine 2003 auf Deutsch erschienene Autobriografie in die Hände. Autobiographien von Historikern sind im Allgemeinen keine besondes reizvolle Lektüre, wenn man sich nicht für die jüngere Geschichte des Fachs interessiert. Im vorliegenden Fall ist das anders. Kaum einer war präsdestinierter, um den Beruf des Historikers zu ergreifen als E. Hobsbawm. Geboren in Ägypten zu Beginn des letztens Jahrhunderts als Sohn eines Engländers und einer jüdischen Wienerin, wuchs er in Mitteleuropa auf in einer Zeit, in der alles in Bewegung schien, Altes endgültig untergangen war und Neues seine dunklen Schatten sehen ließ. Irgendwann 1933 siedelte Hobsbawm von Berlin nach London, um dort die kommenden Jahre bis 1945 zu verbringen. Es sind die ersten Kapitel des Buches, die von dieser Zeit handeln und es sind auch die spannendesten. Früh zum Kommunismus bekehrt bewahrte er sich diesen Standpunkt bis an sein Lebensende, wenn auch natürlich nicht unreflektiert. Gerade die Reflexion über den eigenen weltanschaulichen Ort, von dem aus man die Welt betrachtet und als Historiker auch zu erklären hat, die sich durch das gesamte Buch zieht, macht es so lesenswert, wird man doch Zeuge vom Untergang eines politischen Experiments und der damit zusammenhängenden Demontage der dahinter stehenden Weltanschauung, die sich von dem Schlag, den ihr der real existierende Sozialismus versetzt hat, nie mehr erholt hat. Bemerkenswert ist es zu sehen, wie die Geschichte dieser Ideologie Hobsbawm zeitlebens in einem Prozess der kreativen Reflexion gezwungen hat, der einerseits eine Neubewertung der eigenen Standpunkte notwendig machte, ohne die tiefen Überzeugungen zu verlieren, wegen denen man sich einst vom Kommunismus angezogen fühlte. Am Ende steht die Einsicht, dass die Ideologien des Leninismus und Stalinismus, Trotzkismus  alle gescheitert sind, weil sie Ideale in bestimmter politischer Absicht instrumentalisierten, die, wenn man genau hinsieht, im Grunde gar nicht mal spezifisch kommunistische sind: Solidarität mit den Schwachen, Bemühen um eine gerechte Gesellschaft, Kampf gegen Unterdrückung, Freiheit, Brüderlichkeit. Hobsbawm hat an diesen Idealen festgehalten und für diese gestritten; und nebenbei noch eine ganze Reihe beeindruckender Werke verfasst, die aus seinen Überzeugungen keinen Hehl machen und die gerade deshalb so lesenswert sind, weil sie ein Urteil  nicht scheuen, vor dem so viele andere Historiker zurückschrecken, vielleicht weil sie noch immer dem Glauben anhängen, es gäbe eine historische Wahrheit außerhalb des Kopfes des Historikers. Ob man der Überzeugung von Hobsbawm Sympathie entgegenbringt oder ihr kritisch gegenüber steht, ist unwichtig. Es kommt darauf an, sich an Urteilen zu reiben und sich selbst einem vielleicht schmerzhaften Prozess der Verortung (politisch wie historisch) auszusetzen, der einen am Ende verändert haben wird.