Kurze Anmerkung zur Mathematik

Der Lehrplan und der neue Bildungsplan sehen das Fach Mathematik als Hauptfach an, und wer wollte an diesem Urteil zweifeln, werden die Inhalte der Lehrpläne doch von angesehenen Experten erstellt. Die Vorzüge des Faches Mathematik für einen Heranwachsenden liegen diesen Experten zufolge klar auf der Hand: Mathematik schult das abstrakte Denken, das in einer immer komplizierter werdenden Welt als überlebenswichtig bezeichnet wird. Das Fach Mathematik fördert mit Hilfe der Geometrie das räumliche Vorstellungsvermögen und soll laut den aktuellen Bildungsstandards „auf eine spätere Berufsausübung beziehungsweise auf eine Berufsausbildung oder ein Studium vorbereiten..“ Die Anwendung der erworbenen Kenntnisse soll die Schüler in die Lage versetzen, Problem selbst anzugehen und zu lösen und die uns umgebende Welt greifbar, erfahrbar, handhabbar zu machen. Mathematik als Überlebensstrategie des homo sapiens. Und in der Tat, was bietet uns die Mathematik im Alltag alles.:

Dilemma?

Stell dir vor, du kommst heim.

Sagen wir, so gegen halb vier: Du hast übel einen hängen und hast noch eine Aspirin.

Nimmst du sie jetzt?  Vier Stunden wirkt sie.

Nimmst du sie erst morgen früh? Vier Stunden wirkt sie.

Nimmst du sie gar nicht und hoffst, dass morgen nicht Sonntag ist, du früh genug aufwachst, um genügend Aspirin zu kaufen, bevor die Apotheke um Eins wieder dicht macht?

Oder hältst du es aus?

Lieber Herr Samsung,

vor beinahe einem Jahr entschied ich mich, mein altes Handy durch ein modernes Smartphone zu ersetzen. Die Wahl des richtigen Geräts stellte sich mittelschweres Problem heraus, sich für eine Seite der fernmündlichen Dialektik entscheiden zu müssen: Google oder Apple. Gulag oder Einzelhaft? Die Borg oder die Ferengi? Wie immer man es auch beschreiben möchte, die Alternativen schienen mir beide wenig reizvoll. Irgendwann fiel mir Ihr hauseigenes Betriebssystem bada auf, das übersetzt „Ozean“ heißt.

Eine Anmerkung zu Charles Dickens: Oliver Twist

So, zum ersten Mal in meinem Leben Dickens gelesen. Wurde auch Zeit, mag man sagen. Hat sich eben nicht ergeben. Oliver Twist ist großartig, keine Frage. Das ist schon oft bemerkt worden. Was mich aber ein wenig befremdet, ist das Ende des Romans. Sicher, wer gönnt es dem armen Oliver nicht, dass er Familienmitglieder findet, eine Erbschaft macht und bei netten Leuten leben darf. In gesundem Klima auf dem Land, nicht im Moloch London. Aber ist diese Antithese von beschaulichem Land und der Großstadt nicht ein wenig naiv, selbst für die Entstehungszeit des Textes?

„23 – Nichts ist so wie es scheint“

Keine Ahnung, wie ich drauf gekommen bin. Aber letztens lag ich der Badewanne und da fiel mir dieser Film ein. Ich ließ meine Gedanken also in diese Richtung schweifen, irgendwo zwischen Hacker, UFOs, Illuminaten und Tom Hanks. Angeblich haben die im Hintergrund agierenden Mächte, in deren Händen unser alle Schicksal liegt, überall und für jeden offensichtlich, der die Zeichen zu deuten weiß, Hinweise versteckt, die ihre Existenz und ihren mächtigen Einfluss beweisen: zum Beispiel das Pentagramm oder die Zahl 23 (http://de.wikipedia.org/wiki/Dreiundzwanzig). Mein Blick fiel auf die Ziffern meiner Waschmaschine. 1400 Umdrehungen, 1200, 1000, 800, 600 . Ich addierte die Quersummen dieser Zahlen: 5+3+1+8+6 = 23. Was soll das denn jetzt heißen? Haben die Illuminaten gemeinsam mit der CIA und dem Vatikan unsere Waschmaschinen verwanzt, um uns unbescholtene Bürger im intimsten Umfeld auszuspionieren? Muss ich mit jetzt einen Hut aus Alufolie tragen, wenn ich ein Bad nehme? Und wie wasche ich mir dann die Haare?

Duden-Stechen

Wir setzen die Tradition des Bibel-Stechens in säkularer Form fort und veranstalten jetzt wöchentlich ein DUDEN-Stechen. Benutzt wird dabei vorerst Band 11: „Redewendungen und sprichwörtliche Redensarten“ (Mannheim 1998]. Hier also der erste „Stich“:

„sich in den Wichs werfen/schmeißen (ugs. ; veraltet: sich [für einen formellen Anlass] besonders gepflegt, festlich kleiden: ‚Heute Abend ist Empfang beim Bürgermeister, da wird wird man sich wohl oder übel in Wichs werfen müssen. […].

Eine Propädeutik der Subversion

Der gemütliche Bereich des Kleinbürgers ist der Versuch, das Unvorhersehbare, das Unkalkulierbare, kurz das Chaos, zumindest aus dem privaten Leben zu verbannen. Die Wohnungstür, die Werkstadt vielleicht noch Stadtviertel oder Dorf sind die Bannmeilen, aus denen man das Chaos vertrieben wissen will, innerhalb derer es gesittet, ruhig und vor allem geordnet zugehen soll. Das Leben folgt klaren Regeln, es ist klar geregelt und wenn das ungehorsame Schicksal trotz der Menge an Verbannungsmagie zuschlagen sollte, so kann man sich heutzutage wenigstens gegen die Folgen versichern.

Umzug von Lynkeus-Turm

Ah, sieht schön aus hier.

Der Gedanke, das Blog auf „neutralem“ Boden weiterzuführen, stand schon einige Zeit im Raum, aber aufgrund mangelnder technischer Kompetenz meinerseits zögerte ich. Seit Kurzem sind wir also Gast auf homberles server. Mit dem Umzug haben wir sicherlich ein Stück Unabhängigkeit gewonnen. Damit folgen wir einem der Grundprinzipien des Internets, wie ich es verstehe. Unabhängigkeit, ja Freiheit kann uns Google nicht bieten.

Kaufrausch, Kiesel, Kästner und Weber

„Die kapitalistische Wirtschaftsordnung braucht diese rücksichtslose Hingabe an den Beruf des Geldverdienens.“ (M. Weber).
Wie rücksichtslos diese Hingabe ist, sehen wir gerade, da die Politik, der Steigbügelhalter der Wirtschaft, versucht, die Scherben einer geplatzten Spekulationsblase zusammenzukehren und Banken und anderen Firmen mit dem Geld der Bürger wieder auf die Beine zu helfen. Der Staat muss das tun, Opel nicht zu retten, wäre politischer Selbstmord. So geht die Erpressung des Staats durch die Wirtschaft weiter, als sei nichts gewesen. Doch es geht mir nicht um diese.
Der Kapitalismus ist nicht mehr einer von Firmen, die ein gutes Produkt herstellen wollen und damit Geld zu verdienen, sondern nur noch einer der bedindungslosen Profitmaximierung. Wie kreativ man dabei geworden ist, durfte ich heute in einem schwedischen Möbelhaus beobachten. Ich wollte den unvermeidbaren Gang so kurz wie möglich gestalten und eilte entsprechend schnell durch die gewundenen Gänge des Hauses, den Blick auf den Wagen vor mir gerichtet. Irgendwo lag ein Plastiknetz mit Kieselsteinen im Regal. Ein Kilo für 1,79€. Steine! Wer kauft Steine? Aber wenn sie im Regal liegen, dann gibt es auch bestimmt eine entsprechende Nachfrage, denn zufällig liegt dort wie anderswo nichts im Regal.
Mit diesem Gedanken im Kopf stand ich in der Schlange an der Kasse, vor mit zwei Mitdreißigerinnen, den Wagen voll mit Dekomaterial. Dinge, die man sonst nirgends bekommt. Servietten, Lichterketten, Kerzen…
Und während sie so dastehen, fällt der einen etwas ein. Sie rennt weg, kommt wieder mit irgendeinem Artikel, die andere jauchtzt vor Begeisterung und rennt ihrerseits davon. Wieder da, beglückwünschen sie sich gegenseitig zu dem ach so schönen Artikel. Sie reden lachend, bis eine der beiden wieder davonläuft und einen weiteren wundervollen Gegenstand anschleift, diesmal gleich doppelt. So spart man Zeit, denn man will noch die einzigartigen Hotdogs essen und im Schwedenshop Ikeaschips kaufen. Kaufrausch, ganz klar.
Herr vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Lachend bestaunen sie das Netz mit den Kieselsteinen. Unfassbar. Die rücksichtslose Hingabe an den Beruf des Geldverdienens hat sich gelohnt, Glückwunsch Herr IKEA. Aber was wäre die beste Idee eines berufsmäßigen Geldverdieners ohne die Herde derer, die von dem Kakao auch noch trinken, durch den sie gezogen werden, wie Kästner einmal sagte: „Was immer auch geschieht – nie sollst Du soweit sinken, von dem Kakao, durch welchen man Dich zieht, auch noch zu trinken.“
Kästners Warnung bleibt ungehört. Sollen die Firmen doch Milliarden verheizen, solange man haben kann, was man haben will. Degeneriert zu einer Herde willenloser Konsumenten, braucht das Volk keine Propaganda mehr, die Werbung habt diesen Platz eingenommen. Man ist glücklich über die hübsch dekorierte Wohnküche, wenn am Wochenende Freunde zum Kochen kommen. „Reich mir mal den Rettich rüber.“

„Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach“

Den ganzen trüben Sommer über fiel dieser Satz in so ziemlich jedem Gespräch, das ich führte. So häufig, dass er sogar auffiel. Erstaunlich wie flexibel dieses Sprichwort zu handhaben ist. In fast jedem Zusammenhang ist es anwendbar, aber das ist ja ein Charakteristikum fester Wortverbindungen.Was soll das heißen: bescheide dich mit dem, was du hast und strebe nicht nach dem weit Entfernten, Unerreichbaren, wenigstens aber schwer Erreichbaren. Gefährlich ist es, auf Dächern herumzulaufen und Vögel zu fangen. Da bleibt man doch lieber auf dem Boden und freut sich an dem kleinen Spatz in seiner Hand. Immerhin erscheint es für den Städter aus heutiger Sicht ohnehin irrwitzig zu sein, wegen einer Taube solch ein Risiko einzugehen. Sind doch Tauben für ihn bestenfalls lästig. Werden sie doch gerne als Flugratten bezeichnet, so gewinnt das Sprichwort nur noch mehr an Plausibilität. Tauben jagt man heute aus Gründen der Stadthygiene und man kommt ihnen doch nicht bei. Sie sind zäh und wenn auch nicht so schlau wie Ratten, so doch immerhin mindestens genauso widerstandsfähig gegen die hinterhältigen Nachstellungen, denen sie ausgesetzt sind.
Der Taubenzüchter dagegen dürfte den Kopf schütteln, wenn am Stammtisch mal wieder dieses Sprichwort fällt. Vielleicht ist ein Spatz noch nicht mal ein richtiger Vogel für den Vereinsmeier, der seiner Freizeitbeschäftigung nur in streng organisierter Form nachzugehen gewillt ist und mit einem an längst vergangene Zeiten erinnernden Rigorismus alles Störende oder Andersartige verdammt bis hin zum Wunsch nach Vernichtung. Wer schon mal einen Angler über Kormorane hat schimpfen hören, sie nähmen den Anglern den ganzen Fisch weg, weiß, wovon die Rede ist. Als ob der liebe Gott die Fische für den Angler erschaffen hätte.
Jede Gefahr würde der Taubenliebhaber auf sich nehmen, um seinen Vogel zu retten, ihn vom steilen Dach in die wohlbehütete Sicherheit des Käfigs zurückzubringen. Was sollte so einer mit einem Spatz. Mit sowas kann man bei der nächsten Geflügelschau keinen Blumentopf gewinnen.
Wenn aber der Taubenzüchter nicht aufbegehrt, sobald er das Sprichwort hört, so liegt das an der weitgehenden rhetorischen Entleerung des Satzes, der so abgedroschen ist, dass er jeden semantischen Wert eingebüßt hat und nur noch als rhetorisches Füllmaterial dient, vielleicht gerade noch als Eingeständnis der eigenen Sprachlosigkeit zu deuten ist.
Oft will man mit dem Sprichwort trösten. Freu dich an dem, was du hast, das ist doch auch schön. Aber ist das ein Trost? Mit diesem Sprichwort wird einem vielmehr eine Bescheidenheit aufgezwängt, die davon abhalten soll, seinen Zustand grundlegend zu überdenken. Denn das muss man, will man ihn ändern. Und genau diesen Mut zur Veränderung wird einem mit diesem Sprichwort in den Hals zurückgestopft, angereichert mit einer guten Prise Vorwurf der Unbescheidenheit. Wer mehr will, wird diesen Satz als Beleidigung auffassen, denn er glaubt sich ungerechtfertigt über seine Möglichkeiten und Verhältnisse erhoben zu haben, muss er sich dies Sprichwort von seinem Gegenüber anhören.
So ist dieser Spruch ein psycholinguistischer Trick mit dem Ziel den gesellschaftlichen Status quo zu erhalten. Jeder soll an seinem Platz bleiben, mit dem zufrieden sein, was er hat. Andere haben vielleicht mehr, sind reicher, mächtiger aber die haben doch auch ihre Probleme, hört man dann.
Ein Sprichwort als Mittel gesellschaftspolitischer Unterdrückung: dir gehört der Spatz, die Taube ist für einen anderen. Für jemanden, der sich auf dem gefährlichen Dach sicher zu bewegen weiß, so als ob der von der Natur aus mit einem feineren Gleichgewichtssinn ausgestattet wurde. Oder die Taube, dass sie weiß ist, werden wohl die meisten annehmen, kommt freiwillig von ihrem hohen Sitz herab, zu einem, der sie verdient. Wozu also den Spatz aufgeben für etwas, das in der weiten Ferne der Unwahrscheinlichkeit hockt. Man will nicht, dass sich die Menschen in die Unsicherheit einer ungewissen Zukunft begeben, denn das schadet dem Bestand des Staates. Somit ist dieser Spruch die Parole der staatliche Selbsterhaltung, der Aufrechterhaltung einer Ordnung, deren einziger Vorteil ist, dass es eben eine Ordnung ist und damit besser als jede Unordnung sein muss. Bei uns funktioniert dieses Sprichwort aber nur, weil hier jeder etwas zu verlieren hat. Oder das zumindest glaubt.
Der Spruch ist mehr als die Parole der Subalternen: er ist ein metaphorisches Traumverbot. Schlag dir das aus dem Kopf. Träume nicht von alten Zeiten oder neuen, träume nicht von dem Mädchen, das weit weg ist, träume nicht von Kunst, sondern geh‘ arbeiten und freu dich über den Kunstdruck an der Wand. Begrabe dein handgeschriebenes Gedicht in der Schublade und so fort und so fort. Und so macht es mich wütend, wenn ich den Satz hören muss, erst recht, wenn er mir gilt. Bleibt doch mit euren Spatzen in der Hand auf dem sicheren Gehweg, ich klettere hinauf auf’s Dach. Kann schon sein, dass ich falle.
Besser wär’s, man drehte den Satz um: Lieber die Taube auf dem Dach als den Spatz in der Hand.

Gruß vom alten Werther

Wenn du fragst, wie Leute hier sind, muß ich dir sagen: wie überall!
Es ist ein einförmiges Ding um das Menschengeschlecht. Die meisten verarbeiten den größten Teil der Zeit, um zu leben, und das bißchen, das ihnen von Freiheit bleibt, ängstigt sie so, daß sie alle Mittel aufsuchen, um es los zu werden…

Erhebt euer Glas…

Europa III

Erst nach einer Weile begannen die Männer zu begreifen, was da eben vor sich gegangen war. Der Marokkaner war weg. Abgehauen mit seinen Freunden in der kleinen weißen Yacht, die so elegant durch die Wellen schnitt. Am Bug lag seine blutige Taschenlampe, ein mit Schweiß, Speichel und Blut verdrecktes Zepter seiner Herrschaft. Ein schwarzer Beweis für seinen Verrat, kullerte die Taschenlampe im Bug hin und her.
Keinem der Männer war jetzt noch übel. Jeder der Männer fluchte in seiner eigenen Sprache und einer verstand den anderen in seiner Wut. Keiner der Männer wusste, was zu tun war. Kein Segel, kein Motor, kein Paddel an Bord.
Panik brach aus. Sie schrien und schlugen sich gegenseitig auf der Suche nach einem Ausweg. Als der erste über Bord ging, war es für einen Moment still. Dann riefen sie ihm nach, streckten ihre Hände nach ihm aus, fanden ihn nicht mehr, setzen sich wieder. Heftige Blitze schickten für Augenblicke weißes Licht über das schwarze Meer. Dann konnte man für einen Moment das Festland sehen. Da vorne lag es. Einer sah es, stand auf, zeigte hinaus aufs tosende Meer und rief. Europa! Die nächste Welle nahm ihn mit. Mit den bloßen Händen versuchten sie in Richtung Land zu paddeln. Man kann es schon sehen. Dort hinten. Nur noch ein kurzes Stück. Vielleicht eine Stunde, vielleicht weniger. Ihre in der Angst keimende Hoffnung trieb sie an, gemeinsam, ein letztes Mal. Sie kamen dem Land nicht näher. Im Gegenteil, es schien, als entfernten sie sich sogar davon. Der Sturm zog sie raus auf das offene Meer. Einer, der ganz vorne saß, stand auf. Er sprang einfach über Bord. Vorher rief er den anderen lachend etwas zu, das keiner verstand. Ihm folgten weitere. Manch einen sah man noch eine Weile lang, von den Wellen emporgehoben. Nur wenige konnten schwimmen. Die blieben sitzen. Endlich warf der Sturm das Boot um. Es kenterte und trieb kieloben im schwarzen Wasser. Zwölf Mann begrub es unter sich und gab sie nicht mehr frei. Was übrig war schrie. Sie klammerten sich aneinander. Zogen sich an dem anderen nach oben. So zog einer den anderen hinunter. Sie schluckten Wasser, schlugen wild um sich und versanken schließlich. Noch eine ganze Weile sah man den einen oder anderen, der schwimmen konnte, in Richtung Land schwimmen. Aber das Meer zog sie davon. Keiner von ihnen kam nach Europa.
Von den 40 Mann überlebte einer. Am nächsten Morgen trieb er in der friedlichen See, an eine schwarze Planke geklammert. Ein Frachtschiff aus Hamburg zog ihn an Bord. Beladen mit gebrauchten Autos lief es nach Dakar. Dort setzen sie den Mann an Land. Stumm ging er von Bord.

Europa II

Schwer war der große, dunkle Kahn und schwierig zu kontrollieren in der zunehmenden Dünung. Es dauerte eine ganze Weile, bis alle ihren Platz im Boot gefunden hatten. So geräumig es auch auf den ersten Blick ausgesehen haben mochte, nur mir großer Mühe fanden alle darin Platz. Vorne im Kahn gab der Marokkaner der weißen Yacht Lichtzeichen. Sie setzte sich in Bewegung, zog das schwarze Boot vom Strand hinaus in die offene See. Eng aneinander gedrängt hockten die Männer in ihrem schwarzen Boot.
Mit harter Stimme befahl der Marokkaner den Männern still sitzen zu bleiben. Wer nicht auf ihn hörte oder in Folge der beengten Platzverhältnisse einen Krampf bekam, den schlug der Marokkaner mit einer schweren, schwarzen Taschenlampe. Wo die Schläge seiner Lampe nicht hinreichten, schlugen die Nachbarn auf den Missetäter ein. Jede Bewegung übertrug sich auf die anderen, die ihrerseits auswichen und dabei wieder andere anstießen. So gingen fluchende Wellen aus Zorn durchs Boot, die der Marrokaner am Bug mit seiner schweren, schwarzen Taschenlampe brach. Die um ihn herumsaßen, bekamen alle Schläge ab. Sie bluteten am Kopf, aus der Nase. Unfähig sich bei der Enge die Arme schützend vor’s Gesicht zu heben, versuchten sie ihren Kopf weg zu drehen. In ihrer Wut stießen sie den Nachbarn, der doch genauso litt und genauso hilflos war.
Der Seegang nahm zu. Vielen wurde übel. Alle hatten Angst. Aber ihre Hoffnung war stärker. Sie schlug der Angst unerbittlich ins Gesicht, wie es der Marokkaner mit den anderen tat, bis sie kuschte und für eine Weile Ruhe gab.
Wie viele Widrigkeiten hatten sie nicht durchgemacht, um an den in ihrem Rücken versinkenden Strand, in dieses Boot, zu kommen. Hunger, Hitze, Durst, Demütigung und Gewalt. Alles das hatten sie ertragen und sie würden wohl auch das bisschen Übelkeit und die Enge überstehen. Zwei, drei Stunden, hatte der Marokkaner gesagt, würde die Überfahrt dauern, nur zwei Stunden noch! Für einen kurzen Moment schien der Mond durch die aufreißenden aufreißenden. Schwere, schwarze Wolken zogen auf, die See wurde unruhig. Der Kahn stampfte, krängte, rollte zunehmend.
Keiner der Männer war je auf dem Meer gewesen. Sie wimmerten, weinten, beteten, kotzen vor Übelkeit auf den Rücken des Vordermanns. Durch den aufziehenden Sturm zog die weiße, schnittige Yacht den behäbigen, überladenen Kahn, eine Stunde vom Land entfernt. Da machte die weiße Yacht kehrt, lief direkt auf den Kahn zu. Als sie nahe genug war, sprang der Marokkaner ins Wasser, erreichte mit ein paar Zügen im schäumenden Meer die kleine weiße Yacht. Noch während er an Bord kletterte, kappte man die Leine. Die kleine weiße Yacht nahm Fahrt auf und schnitt elegant durch die hohen Wellen. In einem weiten Bogen nahm sie Kurs auf zurück und verschwand nach ein paar Minuten im stürmischen Grau des Ozeans.