Eugen Ruge -In Zeiten abnehmenden Lichts

Ein Familienroman. Als Buddenbrooks der DDR wurde dieser Roman von einer Kritikerin der Zeit bezeichnet. Der Klappentext führt das Zitat stolz auf. Wohl als Qualitätsmerkmal. So weit sollte man vielleicht nicht gehen, denn außer dass Ruges Buch ein Familienroman ist, hat er nichts mit den Buddenbrooks gemeinsam. Inhaltlich natürlich überhaupt nichts, aber auch von der Anlage her sind beide Bücher weit von einander entfernt. Was auf keinen Fall gegen Ruges Roman spricht, im Gegenteil. Der Roman ist modern flott erzählt,  manchmal ein wenig zu elliptisch, ein bissl zu sehr auf Pop getrimmt. Die Aufarbeitung der DDR im Medium des Familienromans ist in meinen Augen eine gute Idee, weil sie der Thematik die Schwere nimmt, das Politisch-Gesellschaftliche vom Privaten aus ein gutes Stück subjektiviert. Erzählt wird die Geschichte einer Familie, in der sich nicht nur die gesamte Geschichte der DDR spiegelt,  sondern die vor allem eine Typologie der Erwartungen, Hoffnungen, Illusionen spiegelt, die sich an der mittlerweile Gott sei dank ins Historische versunkenen DDR angelagert haben. Die Richtung ist deutlich: Hoffnung und Zuversicht, aber auch Opportunismus und Spießertum bei der ersten Generation von Charlotte und Wilhelm, Anpassung und zunehmende Resignation in der zweiten um Kurt und Irina, Unreflektiertes aus der Kindheit und und zunehmende Desillusioniertheit, aber auch Ablehnung beim zweit jüngsten Spross der Familie, Alexander. Gut getroffen ist die Gedankenwelt von Alexanders Sohn, irgendwo zwischen brutaler Unkenntnis der eigenen Vergangenheit und Naivität. Der Roman läuft bisweilen Gefahr, sich aufgrund der wechselnden Episoden und Perspektiven im Beliebigen zu verlieren. Aufgefangen wird das eine Weile lang durch die gute Idee, die Geburtstagsfeier zu Wilhelms 90. aus der Perspektive der meisten Familienangehörigen zu schildern. Das gibt dem Roman ein Zentrum. Diese Geburtstagfeier zeigt die Typen, ihre persönlichen Einstellungen zur DDR und verdichtet somit den auseinander driftenden Roman. Im Grunde spiegelt diese Szene bildhaft gedrängt das Schicksal eines ganzen Staates, inklusive der zweckentfremdeten Verwendung von Charlottes Tropfen. Auch deshalb wird man nicht umhin können, diesem Ereignis zentrale Bedeutung beizumessen.
Gut gelungen und in einem schönen Kontrast zu dem öden, grauen überorganisierten durchkontrollierten Leben in der DDR stehen die Abschnitte, die Alexanders Aufenthalt in Mexiko schildern, Wie dreckig, chaotisch, laut, schrill und bunt ist da alles. Alles geht durcheinander, ohne Plan, ohne Ziel, ohne Vision, aber dafür mit der ungembremsten Wucht der westlichen Freiheit. Das Ende führt in der Verschmelzung des Autors mit dem eigentlichen Protagonisten des Romans aus der Fiktion hinaus ins Historisch-Dokumentiernde, was dem Roman nichts von seiner Bitterkeit nimmt, die man den Autor am Ende in der Melancholie der Erinnerung an das eigne Leben erfolglos zurücknehmen meint.
Ein guter Roman, der aber ein wenig daran krankt, dass es einem schwer fällt, zu einem der Protagonisten Sympathie aufzubauen. Der Vergleich mit den Buddenbrooks entbehrt vor allem darum jeder Grundlage, da hier im Gegensatz zu dort, vor allem dem korperliche und geistige Verfall der Figuren im Vordergrund zu stehen scheint. Der Niedergang einer Familie ist hier streng genommen nicht zu beobachten, da Familie hier nur als ein oberflächlich und äußerlich durchgeführtes Konzept bei den Umnitzers erscheint. Alle Familienmitglieder erscheinen kalt, keiner hegt für den anderen Sympathie oder gar Zuneigung, ja, je weiter der Roman fortschreitet desto deutlicher wird, dass der soziale Verband nicht aufgrund des Niedergangs der DDR zerfällt, sondern weil die „Familie“ Umnitzer von Anfang an eine Lüge war. Somit löst der Tod mit der Zeit auch die letzten (Ver-) Bindungen.

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