Eine Anmerkung zu Charles Dickens: Oliver Twist

So, zum ersten Mal in meinem Leben Dickens gelesen. Wurde auch Zeit, mag man sagen. Hat sich eben nicht ergeben. Oliver Twist ist großartig, keine Frage. Das ist schon oft bemerkt worden. Was mich aber ein wenig befremdet, ist das Ende des Romans. Sicher, wer gönnt es dem armen Oliver nicht, dass er Familienmitglieder findet, eine Erbschaft macht und bei netten Leuten leben darf. In gesundem Klima auf dem Land, nicht im Moloch London. Aber ist diese Antithese von beschaulichem Land und der Großstadt nicht ein wenig naiv, selbst für die Entstehungszeit des Textes?
Harry Maylie verzichtet für seine Liebe auf eine glänzende Karriere in London und wird Landgeistlicher, um mit seiner Rose zusammensein zu können, die den Gedanken der Entsagung in einen Akt sentimentalen negativen Standesdünkels verdreht.
Die Stadt, das sind vor allem die herunter gekommenen Viertel nahe der Themse und anderswo, geprägt von Dreck, Alkohol, Gewalt und Verbrechen. Hier wohnt der Abschaum. Aber der gesamte städtische Verwaltungsapparat ist ebenso verkommen, wie die Menschen, über die er wachen soll. Die Polizei ist korrupt, desinteressiert,  unfähig und unwillens, die Missstände  in der Stadt von sich aus effektiv zu bekämpfen. Erst wenn ehrbare, reiche, angesehene Bürger sich einschalten, scheint Ordnung in die Sache zu kommen. Das gilt für die Strafverfolgung wie für das Schicksal des einzelnen Menschen. Das Bürgertum als  moralische Instanz des Gesellschaft. Wem aber gehören die ganzen Fabriken, in denen die armen Menschen aus den herunter gekommenen Stadtvierteln arbeiteten, bevor sie arbeitslos wurden? Aber Armut ist hier eben oft auch eine Folge moralischer Verkommenheit des Einzelnen. Wobei dieser Blick so undifferenziert nun auch wieder nicht ist. Einige Figuren, vor allem die Kinder, sind Opfer der Umstände, in denen sie sich befinden. Ihnen sind sie unterworfen. Die Hauptfigur zeigt das natürlich am deutlichsten. Die spannendste Figur ist in meinen Augen Nancy, der es am Ende nicht gelingt, aus ihrem sozialen Milieu auszubrechen, obwohl ihre jegliche Hilfe angeboten wird. Eine fatale Liebe zu dem Verbrecher Sykes, der sie schließlich ermordet, hält sie gefangen. Sie ist sich dessen sehr wohl bewusst und darin liegt das eigentlich tragische Moment dieses Romans, das vielmehr ein trauriges ist. Denn hier ist der Gedanke an die Macht des Schicksals über den Menschen präsent. Oliver war immer falsch in der Welt der Verbrecher, das Schicksal in Form liebenswerter Kleinbürger führt in seiner wahren Bestimmung und seiner wahren sozialen Schicht zu. Nancys Schicksal ist ein anderes. Sie muss in ihrem Umfeld bleiben, einen Ausweg gibt es für sie nicht. D.h. die gesamte soziale Situation ist nicht zu ändern. Sie erscheint letztlich als gottgegeben.
Aber neben der Stadt gibt es eben auch das soziale Utopia des Kleinbürgers: die Kleinstadt, das Dorf: umgeben von fetten Weiden und reichen Feldern. Nur hier scheint die Sonne, ist ein Gewitter ein erhabenes Ereignis; in der Stadt ist der Regen grau. Gut, dass  Oliver es hierher schafft, aber ehrlich gesagt ist diese kleinbürgerliche Idylle langweilig. Am Ende des Roman sehnt man sich zurück ins dreckige London.

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