Jimmy White – Behind the white ball

Eigentlich bin ich ja kein Freund von Sportlerbiographien. Wen interessiert ihre Herkunft, außer dass sie dem Sportler vielleicht in jungen Jahren die Möglichkeit bot, seinen Sport zu entdecken oder ihn stundenlang auszuüben. Außerdem gehören sie zu den schnell gemachten und flüchtigen Produkten eines nur auf die Befriedigung des aktuellen Tagesbedarfs an Sensation und Unterhaltung ausgerichteten Buchmarkts, produziert für eine gleichgeschaltete Konsumgesellschaft, die man nur über Werbung und Marketing je neu auf ein zu konsumierendes Produkt einstellen muss wie einen süchtigen Patienten auf seine Medizin. Schlimmer noch als diese Sportlerbiographien sind die der gemachten Stars und Sternchen, wovon ich aber jetzt schweige.

Beiden ist gemeinsam, dass sie nie vom Sportler oder Star selbst geschrieben wurden, sondern immer in Zusammenarbeit mit einem Journalisten enstehen. Sicherlich sollte man auch gar nicht erwarten, ein Profisportler könnte so etwas auf einen hinreichenden Niveau erreichen. Bei manchem Sportler wäre man vielleicht dennoch überrascht.

Was möchte man in solch einer Autobiographie denn lesen? Wie der Sportler zu seinem Sport kam, was ihm durch den Kopf geht, wenn er ein wichtiges Match spielt, was er selbst über die glänzenden Triumphe und tragischen Niederlagen seiner Karriere denkt, welche Rolle sein Privatleben dabei spielt.

Alles das wird dem Leser in der Autobiographie von Jimmy White geliefert.

Das mag schon faszinierend genug sein für den, der ihn kennt, diesen Sport liebt und die Art, wie White ihn ausübt.

Aber das eigentlich Interessante an diesem Buch ist zweierlei.

  1. Jimmys Offenheit in Bezug auf sein recht wildes Leben und
  2. den Einblick in einen Sport und die gesellschaftlichen Umstände, in die er eingebettet ist (oder vielmehr war, denn White beschreibt hauptsächlich die späten 70iger und die 80iger Jahre).

1. Jimmys Leben

Man darf davon ausgehen, dass keine Autobiographie je schonungslos ehrlich war. Das widerspricht in meinen Augen sowohl dem Wesen dieser Textsorte als auch ihrer Tradition, angefangen mir Augustinus „Confessiones“. Immerhin hat Goethe seiner „Autobiographie“ bekanntlich den Titel „Dichtung und Wahrheit“ gegeben, was man auf den ersten Blick in diesem Zusammenhang ehrlich nennen könnte. Wenn also auch einiges in dieser Autobiographie beschönigt, verharmlost ist und anderes schlicht verschwiegen wird oder unerwähnt bleibt, so ist die Beschreibung von Jimmys Leben dennoch haarsträubend genug. Es wird berichtet, wie er als junger Kerl von einem Taxifahrer durch London gekarrt wurde, um in Snookerclubs um Geld gegen andere zu spielen. Dieser Taxifahrer hatte nicht nur ein finanzielles Interesse an Jimmy. Man sagte diesem „ersten Manager“ von Jimmy White nach, dass er sich auch andersweitig für junge Männer interessiert haben soll. Zur Schule ging Jimmy kaum, schreiben kann er fast gar nicht, mit dem Lesen hat er es auch nicht so. Umso lächerlicher wirken die offensichtlichen Versuche der Co-Autorin, den Text mit literarischen Anspielungen aufzubürsten ( Dickens beispielsweise). Man erkennt in diesem Buch einen Menschen, der sich in jungen Jahren nicht um Verantwortung schert, ja sich dieser immer wieder entzieht, indem er einfach davon rennt. Einen Menschen, der wenig auf andere Rücksicht nimmt. So fuhr Jimmy einmal spontan Nach Dublin, um drei Tage zu bleiben. Er blieb sechs Wochen, verbrachte seine Zeit mit Kartenspielen, Feiern, Saufen. Ab und zu wurde eine Exhibition gespielt, das dabei verdient Geld aber quasi ohne Umwege auf irgendwelche Pferde gesetzt. Als man ihn suchte, versteckte es sich. Als ein anderes Mal seine Frau auftauchte, um ihn von irgendwo abzuholen und nach Hause zu bringen, versteckte er sich im Schrank. Diese Szene ist vielleicht die bezeichnendste. Wenn er als junger Mann nicht um Geld Snooker spielte, knackte er mit Kumpels Spielautomaten. Ein wildes Leben also! Unterhaltsam zu lesen, gleichzeitig erschreckend, denn ein Vorbild ist dieser Sportler abseits des Snookertisches sicherlich nicht.

2. Abseits des glänzenden Maintourzirkus bietet sich ein deutlich anderes Bild des Snookersports. Viele zwielichtige Gestalten hängen im Halbunkel herunter gekommener Snookerclubs herum. Einige spielen um Geld, andere schauen zu und wetten. Jeder versucht ein paar schnelle Pfund zu verdienen. Es wird geraucht und gesoffen und auf schlechten Tischen ein Frame nach dem anderen gespielt. Stundenlang, den ganzen Tag, die ganze Nacht. Ein abenteuerliches Bild zeichnet diese Autobiographie, dreckig und faszinierend.

Diese Autobiographie ist im Vergleich mit derjenigen von Ronnie O’Sullivan die deutliche interessantere, spannendere. Das Buch ist Whites Stil am Snookertisch ähnlich: schnell, kompromisslos, spannend, großartig und von bitterer Tragik.

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