Zu Christopher Clark: Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog.

Im Jahr des Bildungsbürgers gibt es genauso Highlights wie für andere Bevölkerungsschichten Events inszeniert werden, um sie bei der Stange und bei Laune zu halten. Ich weiß nicht, ob die systemstabilisierende Funktion unserer Eventkultur schon mal jemand genauer untersucht hat. Aber darum soll es jetzt nicht gehen. Das Event des intellektuellen Bildungsbürgers im Jahr 2014 ist die 100. Wiederkehr des Beginns des Ersten Weltkriegs. In der Bahnhofsbuchhandlung in der Nähe findet man ein Themenheft dazu aus so ziemlicher jeder Reihe, die den Markt für historisch Interessierte bedient. Wem das zu seicht ist, der greift zu schweren Wälzern, die mir letzter Zeit viel häufiger im  Bücherregal zu stehen scheinen als früher. Lesen die Menschen heute mehr? Schreckt ein dickes Buch den doch eigentlich Leid- und Langeweile geprüften Leser von Martin Walser nicht mehr ab, verlangt er vielleicht gerade ein schön dickes Buch, weil es mehr Prestige verspricht oder sonst einen äußerlichen Vorteil erhoffen lässt? Gibt es heute mehr zu sagen also vor 15 oder 20 Jahren? Oder wird einfach mehr Geschwätz gedruckt, das man sich auch schenken könnte? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass auch ich Schwierigkeiten habe, mich dem Event Erster Weltkrieg zu entziehen. Allein schon deshalb, weil mich dieses historische Ereignis und vor allem seine Vorgeschichte schon viele Jahre beschäfigen. So kompliziert die unmittelbare Vorgeschichte dieses Krieges ist, ich dachte, ich wüsste einigermaßen Bescheid. Nachdem ich Clarks Buch gelesen habe, muss ich feststellen, dass ich kaum einen Anflug von Ahnung von dem hatte, was man die Julikrise nennt.

Clark arbeitet die Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs so umfassend und so detailliert unter Einbeziehung aller Parteien und Entscheidungsträger in einer Präzision aus, dass mir gelegentlich schwindlig wurde und ich mehrfach einfach nur staunend auf das Buch blickte, ungläubig den Kopf schüttelte, nur um dann noch faszinierter weiter zu lesen. Der Aufarbeitung der Julikrise ist aber nur ein Teil des Buches gewidmet. Clark greift weit zurück, um Handlungen, Positionen, Entscheidungen der Beteiligten zu erklären. Das Buch beginnt mit der Schilderung der Ermordung des serbischen Königs im Jahr 1903. Eine barbarische Tat, die unmittelbar mit den Schüssen von Sarajewo elf Jahre später zusammenhängt. Allein dieses Kapitel über Serbien in den Jahren um die Jahrhunderwende bis 1914 ist in meinen Augen einfach brillant, in jeder Hinsicht. Sicherlich könnte man, wenn man sich die Mühe machte und sich ernsthaft ein paar Jahre mit dem Thema intensiv beschäftigt, zu abweichenden Einschätzungen kommen. Grundlegend revidieren dürfte man ihn nicht können, wobei das kein Qualitätsmerkmal einer historischen Arbeit ist. Groß ist die Zahl von historischen Studien, deren Ergebnisse zum Teil erheblich revidiert werden mussten und die dennoch von Wert sind, man denke hier an Fritz Fischers berühmtes Buch vom „Griff nach der Weltmacht“, das bekanntlich ebenfalls den Ersten Weltkrieg zum Thema hat und dem Deutschen Reich einen Plan zur Entfesselung des Ersten Weltkriegs zwecks Erreichung größenwahnsinniger imperialistischer Ziele unterstellt.

So sehr das Buch handwerklich und in seiner deutschen Übersetzung überzeugt, so ist es dennoch ein Buch über die Entstehung eines Krieges, der nicht nur furchtbares Leid und Zerstörung brachte, sondern auch langfristig verheerenden Einfluss auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts hatte. Ich erspare mir hier eine Aufzählung einiger Beispiele. Liest man dieses Buch, dann ist man so oft ganz einfach schockiert über die Leichtfertigkeit, die Inkompetenz, schockiert von der Kaltblütigkeit und Verlogenheit, mit der die Vertreter der verschiedendsten Konfliktparteien handelten. Um sich einen Vorteil zu verschaffen, dessen Voraussetzungen oftmals nur vage Vorstellungen oder Ausdruck von Wünschen oder Sehnsüchten waren, hat man sich um die „Wahrheit“ oder besser um die Realität nicht gekümmert, bzw. sie bewusst ignoriert. Das klingt alles so egositisch, ja am Ende kindisch, dass ich wirklich entsetzt war, dass die höchsten Vertreter der Staaten tatsächlich so waren, wie ich mir sie vorstellte, ja noch schlimmer. Nur ein Beispiel: Als die Österreicher (vor dem Ultimatum vom 23.7.1914) Beweise vorlegten, die eine Verbindung der Attentäter um den letztendlichen Todesschützen Gavrilo Princip zu den Spitzen der serbischen Regierung wahrscheinlich machten, wollte man davon in Russland oder Frankreich nichts wissen. Man gab zu verstehen, dass man überhaupt keine Beweis sehen wolle, weil Österreich einfach nicht Recht habe könne, und man dies auch niemals zugeben würde, selbst wenn die Beweise unumstößlich gewesen sein würden.

Ich kann nur hoffen, dass die Regierungen in unseren Tagen etwas mehr Ehrlichkeit oder Bereitschaft zur Objektivität im Umgang miteinander aufbringen, als das vor hundert Jahren der Fall war. Vor ein paar Wochen wäre ich da noch vorsichtig optimistisch gewesen. Angesichts der Entwicklung auf der Krim bin ich mir da nicht so sicher.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.