Eleanor Catton: Gestirne

Den Roman bekam ich im Sommer 2016 in Schweden geschenkt, als wir am einsamen Steg in der Sonne lagen, jeder in sein Buch vertieft.

Erst kurz vor Weihnachten hab ich das Buch wieder in die Hand genommen, in der Erwartung, dem Weichnachtstress mit einem 1000-Seiten dicken Buch zeitweise zu entfliehen. Das hat sich erfüllt. Die Story ist angesiedelt im Neuseeland des 19. Jhds. Dort herrscht Goldrausch. Ein Mann kommt in die kleine Küstenstadt Hokitika, betritt ein Hotel und wird dort Zeuge einer Versammlung von 12 sehr verschiedenen Männern aus der Umgebung, die sich zusammengefunden haben, um die seltsamen Ereignisse der letzten Zeit zu besprechen, mit denen sie alle irgendwie verbunden sind. Es geht um einen Toten, eine Prostituierte, die man halbtot auf der Straße fand und einen jungen Goldgräber, der seit einiger Zeit spurlos verschwunden ist. So weit, so gut. Die Geschichte ist souverän aufgebaut, das ist handwerklich großartig umgesetzt. Leider gilt das nicht für den Schluss, der noch einiges aufarbeiten muss, was im Verlauf des Romans nicht aufgeklärt werden konnte. Das zieht sich, ja nervt sogar ein wenig, vor allem weil gemäß der Gesamtanlage des Romans die Kapitel immer nur halb so lang sind wie das jeweils vorherige. Witzig (man kann das aber sicherlich auch eher überflüssig finden) die dabei sich ausdehnenden Inhaltsangaben der Kapitel, die am Ende länger sind als der eigentliche Text der Kapitel. Inhaltlich also ein schöner Schmöker.

Die Art des Erzählens allerdings stört mich erheblich. Zu Beginn meint man noch, dass sich die Autorin auf den herkömmlichen Wegen des postmodernen Ezählens befindet, indem sie Sprache, Kapitelaufbau etc. historischen Erzählmustern des 19. Jhds. aufgreift. Allerdings wartet man vergeblich auf die ironische Brechung oder sonst eine Auseinandersetzung mit dem gewählten Erzählmuster, mit der gewählten Sprache. Von postmodernem Erzählen kann also keine Rede sein. Die Autorin kopiert lediglich das antiquierte, altmodische Erzählen, 19 Jahrhundert. Man fühlt sich vor allem an Dickens erinnert. So sehr die Erzählweise auch zur historischen Fassade passen mag. Die fehlende Auseinandersetzung damit lässt den Roman oft in die Nähe eines Rosamunde-Pilcher-Rührstücks rücken. Schade! Hier hat die Autorin eine große Chance verpasst.

Die Synchronisation der Handlung mit dem Lauf der Planeten und Sterne, die als grundlegende Struktur des Romans ja bereits in seinem Titel erscheint, wirkt beliebig, bringt keinen erzählerischen Mehrwert, zumindest nicht für den, der nicht astrologisch bewandert. Vllt. mögen Freunde des Astrologie da anders denken. Ich hoffe es für den Roman. Die Mikro-Makrokosmos-Relation ist hübsch, aber belanglos.

Der Roman hat den Booker-Preis bekommen, vllt. weil er eines der ersten Exemplare eine neuen Art von Literatur ist: einer dem  Zeitgeist entsprechenden Art der Retro-Ästhetik, die sich im kritiklosen Wiederaufnehmen alter Formen erschöpft. Wie wäre es mit Retro-Moderne als Bezeichnug?

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