Nicht allein aus beruflichen Gründen habe ich in den letzten Wochen zur Entspannung Thomas Manns Roman „Lotte in Weimar“ gelesen, sondern vor allem deshalb, weil ich den Ton Manns vermisst habe.
Dieser Roman gehört sicherlich nicht zu seinen größten, aber er ist, vor allem für einen, der sich mit Goethe beschäftigt, doch ein spannendes Kleinod. Thomas Manns Talent und seine Freude an der leisen Ironie wird man sofort gewahr, sobald man auf den ersten Seiten dem unterwürfig servilen Hotelangestelten Mager in Berührung begegnet, der in seiner, dem Ort angepassten literarischen Schwärmerei, Lotte ein ums andere Mal auf die Nerven geht.
Höhepunkt des Buches ist in meinen Augen nicht das Essen, bei dem dann die beiden alten Freunde nach 40 Jahren wieder aufeinandertreffen, sondern vielmehr der ausgedehnte innere Monolog des Olympiers im 7. Kapitel. Nur einem Goethe ist der Ton dieses Monologes zuzutrauen, von daher hat ihn Thomas Mann auch korrekt gestaltet. Wer sich schon ein wenig mit Goethe beschäftigt hat, wird einiges wiedererkennen, was er in Briefen, Dichtung und Wahrheit, Eckermanns Gesprächen (auch wenn diese erst Jahre später einsetzen) und nicht zuletzt in zahlreichen großen und kleinen Werken gelesen haben mag.
Innerhalb dieses Kapitels beeindruckt vor allem der angesichts eines bevorstehenden Maskenumzugs in eine Art kreativen Rausch verfallende greise Dichter, der einen Plan des „barocken“ Maskenfests im ersten Akt seines Faust 2 imaginiert, während Sohn August unverständig auf die Undurchführbarkeit des vom Vater vorgestellten hinweist. Das Beispiel erinnert an eine Stelle aus den Gesprächen mit Eckermann, in der der treue Freund überliefert, wie Goethe aus dem Stegreif den Plan der Oper „Moses in Ägypten“ von Rossini nicht nur kritisiert, sondern entwirft auf der Stelle einen neuen: Goethe fuhr fort mit großer Heiterkeit die ganze Oper Schritt für Schritt durch alle Szenen und Akte auzubauen, immer geistreich und voller Leben, […], und zum freudigen Erstaunen der ganzen Gesellschaft, die den unaufhaltsamen Fluß seiner Gedanken und den heiteren Reichtum seiner Erfindungen zu bewundern hatte.“ (Gespräch vom 7.10.1828).

ist fortzusetzen…


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.