Vom Wandern

Das Wichtigste zuerst:Der Norweger hat ein gänzlich anderes Verständnis vom Wandern als der Deutsche. Diese Erkenntnis, die hier lapidar in einem Satz dargelegt ist, musste  wir uns allerdings hart erarbeiten. Aber von Anfang an.

Wir sind nun am Hardangerfjord angekommen in einem Häuschen, das wir schon vor Monaten gebucht haben, da man vom Sofa aus nicht nur direkt auf den Fjord blickt, sondern es auch ein Bootshaus mit eigenem Fjordzugang hat. Die Feuerstelle, an der wir abends die „Grillsesong“ (das ist tatsächlich ein richtiges norwegisches Wort – der Badner wird im Stillen jubilieren) einläuten, während die Sonne (!) hinter dem Berg verschwindet, macht das Glück vollkommen.

Da wir hier, da nun das Wetter mitspielt, endlich wandern wollen, fragen wir unsere Vermieterin (an dieser Stelle ein großes Dankeschön an Iren für alles, nicht zuletzt für den Rentiertopf, den sie für uns gekocht hat) nach Tipps. Auf alle Fälle stimmt sie uns zu, als wir verkünden, nicht die bekannteste Route zu Trolltunga laufen zu wollen, da wir nicht sicher sind, ob uns 10km in einigermaßen anspruchsvollem Terrain nicht zu viel sind. Da seien ohnehin zu viele Touristen, meint sie und schlägt stattdessen den Dronningstien, den Lieblingsweg der Königin, vor. Rote Route, d.h.Anspruch 3 auf einer Skala von 1 bis 5 und eine Länge von 16km. 16km statt 10?? Wohl norwegische Logik. Schließlich einigen wir uns, dass wir einen Teil dieses Weges von Lofthus aus wandern werden. So machen wir uns am nächsten Morgen bei traumhaftem Wetter auf die Socken. Doch als wir unser Auto auf dem Parkplatz abstellen, ereilt mich der erste Schock. Über uns thront majestätisch ein Berg. Den sollen wir rauflaufen? Von ganz unten? Ein Blick auf eine Infotafel verrät uns das ganze Ausmaß  der Katastrophe: 1100 Meter. Wir befinden uns auf Höhe des Meeresspiegels. Und der Weg ist lediglich 5 km lang. Ich starre ungläubig auf die Tafel. Aber was soll’s, jetzt, wo wir schonmal da sind, haben wir wohl keine andere Wahl. Also machen wir uns auf Richtung Gipfel. Los geht es zunächst harmlos über geteerte und später geschotterte Serpentinen durch Hänge, an denen abertausende Äpfel wachsen. Stetig geht es bergauf, immer steiler, bis wir teils auf allen Vieren enge Waldwege mehr hinaufklettern als -wandern und nach einer knappen Stunde beginnt mein Körper sich zu wehren, die Beine schmerzen, der Puls rast. Das endgültige Aus für die Moral ist ein weißer Kastenwagen, der auf einmal mir nichts dir nichts an uns vorbeifährt. Die Priviligierten müssen den Berg anscheinend  nicht im Schweiße ihres Angesichts erklimmen. Gedanken wie „In Deutschland gäbe es hier schon lange eine Seilbahn!“ oder „Wenn das ein roter Weg ist, wie sehen dann die braunen und schwarzen aus? Senkrecht die glatte Felswand hoch?“ machen sich breit, aber Christian fühlt sich „richtig geil“, also habe ich wohl keine Wahl und quäle mich weiter aufwärts. Und dann passiert das, wovon man so oft hört, was man als durchschnittsfauler Breitensportler aber selbst nie erlebt: Man ist durch den Schmerz durch, die Beine werden leicht, der Puls wird wieder ruhig, der Kopf wird leer und man ist frei. Man geht einfach in dem Gefühl noch tagelang so weiterlaufen zu können. Schließlich erreichen wir so über unzählige Treppenstufen, die ab einer Höhe von etwa 800 Metern hier im Mittelalter von Mönchen erbaut wurden und momentan von nepalesischen Arbeitern ausgebessert und erweitert werden, das Hochplateau der Hardangervidda, der größten Hochebene Europas. Überwältigt vom Ausblick in den Fjord tief unter uns auf der einen und in die karge Ebene jenseits der Baumgrenze auf der anderen Seite können wir beide es kaum fassen, dass wir in nur 2,5 Stunden 1100 Höhenmeter bewältigt haben. Stolz wie Oskar genießen wir unseren Triumph bei einem Vesper, bevor wir den Abstieg wagen in Richtung Fjord, Heimat und Grillsesong. (Gastbeitrag von Karla Kolumna)

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